Österreicher rüsten mit Pfeffersprays und Waffenscheinen auf

15. Jänner 2016, 12:15
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Auch Bürgerwehren formieren sich, Kriminalsoziologe deutet das als Symptom einer tiefsitzenden Unsicherheit

Wien – In ganz Österreich formieren sich Bürgerwehren, Pfeffersprays sind ausverkauft und die Nachfrage nach Waffenscheinen ist auf Rekordhöhe. "Es gibt schon länger eine tiefsitzende Unsicherheit in der Bevölkerung", erklärte der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl. Die Übergriffe von Köln seien nun eine zusätzliche Initialzündung gewesen.

Die sozialen Medien spielen bei dem Phänomen eine zentrale Rolle. Über Facebook schließen sich etwa in Wien gerade Personen zusammen, um gemeinsam eine Bürgerwehr aufzustellen. "Wir wollen nicht die Arbeit der Polizei machen. Wir wollen unseren Bürgern das Gefühl geben, dass jemand auf sie schaut, wenn es dunkel wird. Wir werden uns als Verein im Rahmen der Nachbarschaftshilfe bewegen", schreiben die Organisatoren. Seitens der Polizei läuft eine Überprüfung der Gruppe.

Ausverkaufte Pfeffersprays

Auch die Waffenverkäufe sind gestiegen. "Ich verkaufe mehrere Glocks in der Woche, das war früher nicht so", sagte etwa der Besitzer des Waffengeschäfts Doubleaction, Gerhard Pöpl. Pfeffersprays sind überhaupt ausverkauft. "Ich bekomme heute eine neue Lieferung." Damit liegt Pöpl ganz im Trend. "Österreichweit kann man von einer Zunahme von 50 Prozent bei Verkäufen von Pfeffersprays ausgehen", sagte Branchensprecher Robert Siegert.

Auch bei den B-Waffen wie Pistolen ist von einer Steigerung auszugehen. "Wir haben im Herbst eine große Zunahme an Anträgen für Waffenbesitzkarten verzeichnet", sagte Siegert. Dies würde sich nun in den Verkaufszahlen widerspiegeln. 2015 bedeutete für die Branche auch generell ein Trendwende: Die Zahl der Waffenbesitzkarten war davor nämlich rückläufig.

"Weniger Kontrolle über Alltag"

Für Kreissl sind die Phänomene Ausdruck einer tiefsitzenden Verunsicherung der Österreicher. Die Grundfeste des persönlichen Sicherheitsgefühls wie eine sichere Arbeitsstelle und eine dauernde Partnerschaft seien heute vor allem durch die Globalisierung nicht länger gegeben.

"Gleichzeitig haben die Menschen immer weniger Kontrolle über ihren Alltag", sagte der Kriminalsoziologe. Bei internationalen Konzernen reiche etwa bereits ein Beschluss, Standorte zu verlegen, "und schwupps – sind in einem Land tausend Leute arbeitslos".

Diese Verunsicherung schwelt schon länger innerhalb der Bevölkerung. Die Flüchtlingssituation habe den Ängsten nun eine einfache Projektionsfläche geliefert. "Die Vorfälle in Köln waren sicherlich eine weitere Initialzündung", sagte Kreissl. Neben der Politik verliere nun auch die Polizei als staatliches Ordnungsorgan zunehmend das Vertrauen der Bevölkerung.

Dabei spiele es keine Rolle, dass die Ängste meist völlig unbegründet sind. "Ich kann jemandem tausend Mal erklären, dass es in Wien extrem unwahrscheinlich ist, Opfer einer kriminellen Tat zu werden, aber ich komme dann einfach nicht mehr durch", sagte der Kriminalsoziologe.

Kreissl rechnete damit, dass die Stimmung wohl noch einige Wochen lang angespannt bleibt. Doch sobald die mediale Aufmerksamkeit wieder einen anderen Schwerpunkt bekommt, werde sich wohl auch die Bevölkerung wieder entspannen. (APA, 15.1.2016)

  • Seit Herbst gibt es eine Zunahme an Anträgen für Waffenpässe.
    foto: apa/jens büttne

    Seit Herbst gibt es eine Zunahme an Anträgen für Waffenpässe.

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