"Früher habe ich oft gekämpft, auch mit Regisseuren"

Interview16. Jänner 2016, 09:00
37 Postings

Karl Markovics ist am Sonntag als verzweifelter Mörder zu sehen. Ein Gespräch über das Funkhaus und die Krise des heimischen Films

STANDARD: Sie kämpfen für den Erhalt des Funkhauses. Wie steht es um die Rettung?

Markovics: Es ist den Filmaktivisten gelungen, eine Bietergemeinschaft zu gründen und in das Verfahren aufgenommen zu werden. Mit den Anteilszertifikaten hätten wir es im Fall eines Zuschlags zumindest geschafft, den Fuß in der Tür zu halten. Unsere Hoffnung ist, dass die Auflage beim Denkmalschutz hoch und das Umdenken einiger Mitglieder des Stiftungsrates so groß ist, dass sich vielleicht noch etwas tun könnte.

STANDARD: Sie klingen nicht sehr optimistisch?

Markovics: Groß sind die Hoffnungen nicht. Trotzdem ist ein großer Schritt gelungen, weil wir überhaupt noch im Rennen sind.

tatortfans
Der Trailer zum "Polizeiruf 110".

STANDARD: Bringen Sie 60 Millionen Euro auf?

Markovics: Diese 60 Million sind im Grunde genommen Fantasiesummen, die der ORF errechnet hat, um sein Vorgehen zu rechtfertigen. Das Potential der Menschen, die uns gegenüber ihre Absicht bekundet haben, ist hoch. Ob wir dann wirklich auf 60 Millionen kommen, hängt sehr ab von dem guten Willen von einigen Großinvestoren, die bereit sein müssten, ohne besondere Gegenleistungen aktiv zu werden.

STANDARD: Was, wenn Sie den Verkauf nicht verhindern können. Ketten Sie sich an die Eingangstüre des Funkhauses, wie das der Schriftsteller Robert Menasse versprochen hat?

Markovics: Aktionismus ist nur dann wirksam, wenn man ihn nicht wirklich plant oder zumindest seine Pläne nicht kundtut. Insofern werde ich mich hüten, jetzt groß darüber zu sprechen.

STANDARD: Nicht alle hängen am Funkhaus wie Sie. Gar nicht so viele Mitarbeiter scheinen die Übersiedlung zu akzeptieren.

Markovics: Natürlich gibt es das auch, und ich kann das verstehen. Der Wunschdruck des Unternehmens ist sehr stark und wird auf eine gewisse Art weitergegeben. Mitarbeiter, die gegen die Übersiedlung sind, versuchen das nicht unbedingt so bekannt werden zu lassen, weil sie Konsequenzen fürchten.

STANDARD: Sie meinen, dass niemand vom Funkhaus auf den Küniglberg will, es sich aber nicht zu sagen traut?

Markovics: So weit würde ich nicht gehen. Es gibt sicher einen Prozentsatz an Mitarbeitern, die wenig Probleme haben und sagen: Wenn es nun politisch und wirtschaftlich notwendig ist, dann machen wir das.

br film & serie
Am Set mit Karl Markovics beim Dreh zu "Polizeiruf 110".

STANDARD: Woher kommt Ihr Engagement?

Markovics: Ich kämpfe nicht für den Verbleib des Funkhauses, weil es für mich angenehmer ist, für das Aufnehmen von Hörspielen in die Argentinierstraße zu fahren als auf den Küniglberg. Ich halte Radio für das wichtigste Medium unserer Zeit. Für mich ist es lebensunverzichtbar.

STANDARD: Sie müssten nicht verzichten, auch vom Küniglberg werden die Leitungen gut sein.

Markovics: Das Funkhaus ist aber nicht irgendein Ort. Das ist eine neoliberale Denkungsweise, dass es vollkommen egal ist, wo ich etwas tue, Hauptsache, ich kann Kosten reduzieren und Gewinn maximieren.

STANDARD: Hat Ihr Engagement Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit dem ORF? In ORF-Fernsehproduktionen sah man Sie ohnehin eher selten.

Markovics: Nein. Das hängt aber damit zusammen, dass ich immer schon extrem wählerisch war. Mir geht es tatsächlich um die Frage, wie es mir mit meiner Entscheidung geht. Und dann kann es ein gutes Drehbuch sein oder die eine oder andere gute Tatort-Rolle, die ich im Laufe der letzten Jahre angeboten bekam. Aber wenn für mich persönlich keine Herausforderung da ist, mache ich es nicht.

STANDARD: Wären Sie gerne "Tatort"-Kommissar?

Markovics: Um Gottes willen, nein! Das ist eine Aufmerksamkeit, die weit über die eigentliche Arbeit geht. Das ist wie Papst-Sein. Jeder schaut, was macht der, wo kauft der seine Schuhe ein? Das schreckt mich ab. Til Schweiger – das sind Staatsaktionen. Interessiert mich überhaupt nicht.

STANDARD: Wo waren die Herausforderungen beim "Polizeiruf"?

Markovics: Ich fand es extrem mutig von einem öffentlich-rechtlichen Sender, im Hauptabendprogramm in diese Abgründe zu gehen. Der Kommissar soll vom Täter überzeugt werden und sträubt sich dagegen, weil er sich damit eine Schuld auflädt.

foto: br / wiedemann & berg

STANDARD: Sie spielen einen Verzweifelten, einen geständigen Mörder, dem man nicht glaubt. Worauf achteten Sie beim Spielen?

Markovics: Ich überlege relativ wenig und arbeite in dem Sinn nicht an Rollen. Ich lese ein Drehbuch eher nach dem Ausschlussprinzip und weiß, was die Figur nicht macht. Ich versuche die Unendlichkeit an Möglichkeiten, eine Rolle zu interpretieren, zu reduzieren, sodass ich am Ende nur noch ein Dutzend Varianten habe. Nur eine fände ich langweilig, weil dann kann es passieren, dass der Kollege etwas ganz anderes für sich gedacht hat. Darauf gehe ich ein, und das ist dann der Zeitpunkt, in dem ich meine Figur auch verteidigen würde, zum Beispiel wenn der Regisseur andere Ideen hätte.

STANDARD: Wie ist das, wenn man selber gut und gerne Regie führt und dann spielt?

Markovics: Früher habe ich oft gekämpft, auch mit Regisseuren. Das mache ich gar nicht mehr. Wenn ich die Rolle annehme, lasse ich mich ganz darauf ein.

foto: br / wiedemann & berg

STANDARD: Das war auch mit Wes Anderson im "Grand Budapest Hotel" so?

Markovics: Wes Anderson ist ein Paralleluniversum, das nur bedingt mit unserer Welt zu tun hat. Er reiste mit seinem Stab an, mietete das ganze Hotel. Nicht nur um zu drehen, da wohnten auch alle Filmleute. Er hat zwei Köche, und am Abend essen alle gemeinsam. Ein bisschen wie Zirkus.

STANDARD: Wie wird 2016? "Superwelt" bekam Anerkennung, an den Kinokassen war er aber kein Erfolg.

Markovics: "Superwelt" hat weit weniger eingespielt als "Atmen". Aber man darf nicht vergessen, dass wir ein katastrophales österreichisches Kinojahr hinter uns haben. Warum das so ist? Ich bin kein guter Analytiker noch ein Prophet.

STANDARD: Vielleicht sind die Filme schlechter geworden?

Markovics: Das hat nichts mit schlechter zu tun, sondern mit schwieriger. Wahrscheinlich müsste man werbetechnisch einen eigenen Zugang finden, wie man wirklich Publikum bekommt. Aber ich merke im Satz selbst, wie hilflos ich bin.

STANDARD: Sind Sie Netflix-Kunde?

Markovics: Nein. Wenn ich es hätte, würde es mich zu sehr interessieren. Davor habe ich eher Angst. Ich habe auch nie mit Computerspielen angefangen, weil ich glaube, dass ich dafür anfällig wäre. Ich bin für jede Art von Drogen anfällig und nehme deswegen keine. Ich würde wirklich hineinfallen.

STANDARD: Wer wird Bundespräsident?

Markovics: Wie ich schon sagte, ich bin kein guter Prophet. (Doris Priesching, 16.1.2016)

Karl Markovics spielte im Oscar-Film "Die Fälscher" und inszenierte "Atmen". Mit Matthias Brandt ist er am Sonntag um 20.15 Uhr, ARD, in "Polizeiruf 110" zu sehen.

Share if you care.