ORF-"Am Schauplatz": Mürzzuschlag wehrt sich gegen "düsteres Bild"

15. Jänner 2016, 17:19
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Mürzzuschlager Bürgermeister kritisiert "einseitige" Reportage – ORF weist Vorwürfe zurück

Wien – "Wo die Jobs verschwinden, leiden ganze Regionen. Geschäfte sperren zu, die Jungen wandern ab", schrieb der ORF in der Ankündigung zur Reportage "Am Schauplatz: Die letzten Arbeiter", die am Donnerstag vor 586.000 Zusehern ausgestrahlt wurde. Gegen dieses Bild wehrt sich jetzt der Mürzzuschlager Bürgermeister Karl Rudischer via Aussendung und Offenem Brief – hier als pdf. Der ORF hingegen weist die Vorwürfe zurück.

Der ORF habe "ganz bewusst ein düsteres Bild und einen wirtschaftlichen Niedergang der Gemeinde Mürzzuschlag dargestellt – frei nach dem journalistischen Motto: Nur Bad News sind Good News", schreibt Rudischer in einer Aussendung und kritisiert in einem Offenen Brief an die "Schauplatz"-Redaktion, dass die Sendung dem Image seiner Gemeinde schade.

Entwicklungen "ignoriert"

Er schreibt: "In dieser Dokumentation haben Redakteure ganz bewusst die wirtschaftliche und stadtpolitische Entwicklung der letzten Jahre ignoriert, um eine sozialromantische These vom Nichtwahrhabenwollen des Niedergangs der Arbeiterschaft in einer Stahlregion aufrecht erhalten zu können." Und weiter: "Natürlich, man findet immer und überall Menschen, die einem nach ständig wiederholten Suggestivfragen wie 'Es ist schwer Arbeit zu finden, überlegen Sie, ob sie wegziehen?' Thesen bestätigen. Und ja, für manche am Schauplatz Mürzzuschlag war der Strukturwandel traumatisch. Ich widerspreche aber entschieden und vehement der Grundaussage dieser Sendung."

Die ORF-Redakteure hätte "nicht einmal ansatzweise versucht, sich in ihrer Recherche der Wahrheit anzunähern". An eine Popularbeschwerde, die gegen den ORF bei der KommAustria eingebracht werden könnte, sei derzeit nicht gedacht, heißt es auf STANDARD-Anfrage. Dafür wären innerhalb einer Frist von sechs Wochen 120 Unterschriften von ORF-Gebührenzahlern notwendig.

Update: ORF-Stellungnahme

In einer Stellungnahme an den Mürzzuschlager Bürgermeister und die STANDARD-Redaktion verteidigen Heidi Lackner-Prinz, Sendungsverantwortliche für "Am Schauplatz" und Peter Resetarits, Verantwortlicher für "Am Schauplatz Gericht", die Reportage. Hier finden Sie die Antwort im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Danke für Ihr Feedback!

Wir bedauern, dass Ihnen unsere gestrige Reportage "Am Schauplatz – Die letzten Arbeiter" nicht gefallen hat.

Ihre Unterstellung, wir hätten bewusst, um eine "sozialromantische These aufrechtzuerhalten", ein negatives Bild der Stadt gezeichnet, müssen wir allerdings entschieden zurückweisen. Sie schreiben von einer attraktiven und liebenswerten Kleinstadt, in der man gut leben kann, und dass man Mürzzuschlag attestiert, dass es sich sehr positiv verändert hat.

Dieses Bild hat sich in den Recherchen von Robert Gordon und Julia Kovarik leider nicht bestätigen lassen. Wir haben in den vergangenen Wochen mit vielen Ihrer MitbürgerInnen, darunter anderen Politikern, ArbeitnehmervertreterInnen und vor allem den BewohnerInnen von Mürzzuschlag gesprochen, und dabei ist ein völlig anderes Bild entstanden. Es ging fast ausschließlich um die Themen:

Angst um den Job, Angst, keinen Job zu finden, Angst vor der Zukunft, Abwanderung.

Viele der anderen Vorwürfe und Klagen, insbesondere auch jene, die gegen Sie erhoben wurden, haben wir, weil sie auch den Rahmen unserer Themenstellung gesprengt hätten, nicht in die Reportage aufgenommen.

Wenn Sie einen ganzen Absatz Ihres Schreibens dem innovativen Wirken des Leitbetriebes Böhler Bleche GmbH. widmen und anklingen lassen, dass dies nicht gewürdigt wurde, so ist darauf hinzuweisen, dass im Beitrag ausdrücklich erwähnt wurde, dass Mürzzuschlag als Technologie-Hochburg "gleich nach Linz" gilt. Wir haben bei der Böhler Bleche GmbH. unter Ausnutzung der uns gebotenen zeitlichen Möglichkeiten gedreht, Arbeiter und einen Arbeitnehmervertreter interviewt und natürlich auch dies in den Beitrag einfließen lassen.

Sie als Bürgermeister hatten selbstverständlich auch die Möglichkeit, in Form eines Interviews, Stellung zu nehmen, und konnten Ihre durchaus differenzierte Sichtweise auf Sendung einbringen. Im Text wurde etwa gesagt: "Bürgermeister Rudischer … findet die Vorwürfe nicht gerecht. Mürzzuschlag ist ein hervorragender Industriestandort."

Erlauben Sie mir noch, auf Ihren persönlichen Angriff auf Kollegin Julia Kovarik zu replizieren. Sie werfen ihr vor, Suggestivfragen gestellt zu haben. Etwa, "es ist schwer, Arbeit zu finden". Sie haben sich verhört. Kollegin Kovariks Frage lautete: "Ist es schwer Arbeit zu finden?

Und diese Frage muss angesichts unserer Rechercheergebnisse erlaubt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Peter Resetarits und Heidemarie Lackner-Prinz

Redaktion "Am Schauplatz"" (red, 15.1.2016)

  • "Am Schauplatz" über "die letzten Arbeiter" in Mürzzuschlag sorgt beim Bürgermeister für Kritik.
    foto: orf

    "Am Schauplatz" über "die letzten Arbeiter" in Mürzzuschlag sorgt beim Bürgermeister für Kritik.

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