Tony Parsons: Finstere Herzen und strafender Zorn

16. Jänner 2016, 10:00
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Der Brite war Journalist und Kolumnist. Nun arbeitet er – durchaus erfolgreich – an einer Karriere als Krimiautor. Ein Besuch in London

Irgendwie erinnert Tony Parsons, schmächtig, witzig und mit Schiebermütze angetan, an einen Jockey. Doch der Londoner, Jahrgang 1953, ist Journalist und Schriftsteller und gerade dabei, sich eine zweite Karriere als Krimiautor aufzubauen.

Parsons kann auf eine lange Laufbahn als Musikkritiker und Kolumnist in britischen Zeitungen zurückblicken. Dann beschloss er, radikal das Genre zu wechseln. Nachdem er sich mit seiner japanischen Frau besprochen hatte, nahm Parsons sich zwei Jahre vom üblichen Alltag frei und verwendete für diese Auszeit alles Ersparte.

Ein Jahr hat er nachgedacht über die Hauptfigur Max Wolfe, die im ersten Krimi Dein finsteres Herz ihren Auftritt hatte. Inzwischen ist Parsons' zweiter Krimi Mit Zorn sie zu strafen erschienen. Der Schauplatz London bietet reichlich Motive: Parsons, der in einem Arbeiterviertel aufgewachsen ist, kann auf eigene Erinnerungen zurückgreifen.

Er erzählt, dass sein Vater, überzeugt davon, dass die Polizei immer im Dienste der Reichen agiere, Polizisten hasste und nie mit einem gesprochen hätte. Diese Erinnerung an totale Kommunikationsverweigerung hat Parsons wohl in eine Szene eingebaut, in der Wolfe versucht, in der Roma-Siedlung der "Reisenden", wie sie euphemistisch genannt werden, Informationen zu erhalten, was ein lebensgefährliches Unterfangen ist.

Schmutziges Geld

Klassenkampf bleibt ein permanentes Thema. Sowohl im ersten Krimi, bei dem es um eine Clique sich unangreifbar wähnender Oberschichtmänner geht als auch im zweiten Buch, wo der Silvesternacht eine sehr wohlhabende Familie in einer abgeschotteten Wohngegend Londons mit einem Bolzenschussgerät umgebracht wird. Der kleine Sohn hat das Massaker vermutlich überlebt, aber er ist verschwunden. Parsons teilweise brutaler Krimi spricht auf subtile Weise soziale Zustände und Veränderungen an, die man als Städtetourist nicht wahrnimmt. Parsons erzählt von "Geisterhäusern", leeren Gebäuden, die oft von Russen und Chinesen erworben werden.

"Das Geld für Immobilien ist oft schmutziges Geld, das auf diese Weise weißgewaschen wird, was hinter diesen Fassaden passiert, weiß keiner". Was man als London-Besucher hingegen nachvollziehen kann, sind Wolfes Recherchen im "Black Museum" wo pensionierte Detectives die gruseligen Hinterlassenschaften von Kapitalverbrechen bewahren. Parsons weist stolz darauf hin, dass er für das tatsächlich existierende "Crime Museum" von Scotland Yard, das Teil des Museum of London ist, die Eröffnungsrede halten durfte.

Parsons ist ein bekennender Konservativer, doch sein Ermittler Max Wolfe entpuppt sich als durchaus moderner Mann. Er ist Alleinerzieher einer kleinen Tochter, das einzige weitere Familienmitglied ist ein heißgeliebter Hund. Allerdings kann Wolfe mit seinen unregelmäßigen Arbeitszeiten auf eine zuverlässige Mrs. Murphy für das Kind zurückgreifen.

Also ist die Organisation des fragmentierten Familienlebens nicht ganz so schwierig. Parsons meint, dass er in der anrührenden Figur der Kleinen auch etliches nachzuholen versucht, was er beim Heranwachsen der eigenen, jetzt 13-jährigen Tochter versäumt hat. Als Vorbild unter Krimikolleginnen nennt Parsons Ruth Rendell, deren Sensibilität er bewundert.

Was die allgemeine Lage betrifft, gibt sich Parsons eher pessimistisch. Er mag weder David Cameron noch die EU und würde für einen Austritt Großbritanniens votieren. "Es erstaunt mich, dass die in Brüssel glauben, dass die EU ewig dauern wird. Alles endet einmal, das Römische Imperium, Russland ..."

Optimistischer hingegen beurteilt er sein neues Betätigungsfeld: Wahrscheinlich wird aus der geplanten Trilogie um Max Wolfe mehr werden.

"Ich glaube, meine Bücher werden kontinuierlich besser, das Krimigenre ist ja neu für mich; ich bin "still in honeymoon". Klar, Luft nach oben gibt es immer. Aber der Anfang ist schon einmal ganz gut geworden. (Ingeborg Sperl, Album, 16.1.2016)


Die Einladung zur Reise nach London zu Tony Parsons erfolgte auf Einladung des Bastei-Lübbe-Verlags.

  • Sieht die Lage abseits der Pubs wenig optimistisch: Tony Parsons.
    foto: ingeborg sperl

    Sieht die Lage abseits der Pubs wenig optimistisch: Tony Parsons.


  • Tony Parsons, "Dein finsteres Herz". (EURO 15,50 / 384 Seiten), "Mit Zorn sie zu strafen" (EURO 15,50 / 319 Seiten). Beide Taschenbücher im Bastei-Lübbe-Verlag
    cover: lübbe

    Tony Parsons, "Dein finsteres Herz". (EURO 15,50 / 384 Seiten), "Mit Zorn sie zu strafen" (EURO 15,50 / 319 Seiten). Beide Taschenbücher im Bastei-Lübbe-Verlag

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