Zweite Wahl

16. Jänner 2016, 09:00
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Es gehört zur Folklore einer Demokratie, hin und wieder die Wahl zu haben. Eine solche gibt es heuer, nämlich die Bundespräsidentenwahl. Aus Gewohnheit werden dafür meist Personen als Kandidaten auserkoren, von denen man annehmen darf, die ihnen nahestehende Fraktion möchte ihnen den drohenden Pensionsschock noch eine Zeitlang ersparen.

Nichts gegen flächendeckende Altenpflege, doch es gibt nun einen ÖVP-Kandidaten, an dem dieser vermeintliche Akt der Fürsorge Brüche zeigt. Nachdem der lange als wahrscheinlichster Bewerber gehandelte Erwin Pröll verkündet hatte, sein Provinzkaiserreich der Hofburg doch vorzuziehen, zog die ÖVP, wie am falschen Fuß erwischt, den Seniorenexperten Andreas Khol aus dem Hut. Der gilt deshalb bloß als zweite Wahl, dabei spricht der Mann akzentfrei Tirolerisch, und ein Dolmetscher für den aufdringlichen Rest der Welt würde sich im Heiligen Land schon finden.

Das Stigma, nur zweite Wahl zu sein, muss Khol schmerzen wie sonst nur die Vergemüsung seines Namens. Bedeutet es doch einen Kompromiss hin zu minderer Qualität. Okay, damit hat er Erfahrung, Khol hat seinerzeit die schwarz-blaue Wendehalsregierung eingefädelt. Aber für uns Wähler bleibt das unbefriedigend. Mit der zweiten Wahl muss man sich abfinden, wenn man die erste nicht kriegt.

Als zweite Wahl stuft man Mängelexemplare ein, die kleine Fehler aufweisen, Produkte, die nicht mehr ganz frisch oder nicht mehr originalverpackt sind, etwas abgegriffen. Die gibt es dann billiger. Es sind die Rest- oder Sonderposten. Ein Sonderposten ist das Bundespräsidentenamt zwar allemal, so betrachtet erfüllte Khol durchaus das Anforderungsprofil. Aber ob er als leidlich betatschte zweite Wahl international reüssieren könnte? Als B-Ware quasi, Englisch ausgesprochen "beware"? Andreas "beware" Khol – ein Bundespräsident wie ein Warnsignal.

Gleichzeitig muss Andreas Khol mehr als wir auf eine zweite Wahl hoffen, will er werden, was er möchte. Denn ohne in die Stichwahl zu kommen, hat er ganz verloren. (Karl Fluch, 16.1.2016)

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    foto: matthias cremer
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