Buchclubs oder: Keine Entschuldigung für Alkohol und Anmaßung

15. Jänner 2016, 14:08
12 Postings

Weitere wichtige Stimmen zu sexualisierter Gewalt, magere Feminismus-Ausbeute bei den Golden Globes und lieber TV- statt Buchclub

Gegen sexualisierte Gewalt: Der Kampf gegen Gewalt an Frauen nahm dieser Tage wie selten zuvor Fahrt auf. Die Kampagne #ausnahmslos startete Anfang der Woche (dieStandard.at berichtete) und forderte weitreichende Maßnahmen gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt und die laufende mediale Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen. Aktivistinnen der Kampagne "Stop Bild Sexism" (seit 2014) nutzten die Gunst der Stunde, dass die Objektivierung von Frauen derzeit nicht mehr so schnell als maßlose Übertreibung abgetan wird, und forderten von "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch ein Ende des alltäglichen Sexismus in der Boulevardzeitung. Und auch zahlreiche lesenswerte Kommentare gab es über sexualisierte Gewalt.

Teresa Bücker, Mitinitiatorin von #ausnahmslos, umriss im "Freitag" nochmals die Dimensionen von sexualisierter Gewalt für Deutschland: 95 Prozent der Frauen, die Opfer von Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung oder sexueller Nötigung wurden, bringen das nicht zur Anzeige. "Hochgerechnet kommt man so auf 160.000 Übergriffe jährlich – Belästigung und Vergewaltigungsdrohungen im Internet nicht eingerechnet", schreibt Bücker. Hinter der niedrigen Verurteilungsquote stehe auch ein äußerst verzerrtes Bild: "Medien neigen besonders dann zur Unschuldsvermutung, wenn der Täter ein prominenter weißer Mann ist und die Frau und er sich bereits kannten." Die Chance auf eine Verurteilung steigt hingegen unter anderem dann, wenn der Täter Migrationshintergrund hat. Für die Instrumentalisierung von sexualisierten Übergriffen auf Frauen findet Bücker schließlich klare Worte: "'Böse Ausländer' und traditionelle Geschlechterbilder finden sich in den gleichen Denkmustern und politischen Milieus wieder."

Ein hörenswertes Interview zur Idee hinter #ausnahmslos mit Emine Aslan gab es im Deutschlandradio Kultur, in dem auch die Kraft und die Grenzen von Netzkampagnen angesprochen wurden.

Feminismus und Hollywood: Frauenpolitische US-Magazine schälen immer wieder feministische Sternstunden großer Stars oder Events heraus. Die Verleihung der Golden Globes vergangene Woche war so eine Gelegenheit für den "Ms. Blog". Zwar bedauert Autorin Stephanie Hallett, dass Amy Poehler und Tina Fey nicht mehr moderierten, trotzdem fand sie auch dieses Jahr "5 Great Feminist Moments from the 2016 Golden Globes". Moderator Ricky Gervais wollte zwar einige transphobe Witze nicht auslassen, würdigte allerdings Jennifer Lawrences 2015 veröffentlichtes Schreiben im "Lenny Letter" über die schlechtere Bezahlung von Frauen in Hollywood. Da waren außerdem noch Bryce Dallas Howard, die ihre Interviewerin mit der Information erstaunte, dass sie ihre Garderobe selbst ausgesucht hatte, und Schauspielerin Sophia Bush, die "enthüllte", dass sie Emma Watsons feministischem Buchclub beigetreten sei. Na ja, es gab schon stärkere Jahrgänge.

TV-Club: Der "Guardian" fragt angesichts von Watsons Buchclub überdies, ob es nicht vielmehr einen feministischen TV-Club brauche. Sie habe nichts gegen Bücher, schreibt Autorin Arwa Mahdawi, einige ihrer besten Freunde seien Bücher. Aber Buchclubs seien doch nur eine Entschuldigung dafür, Wein zu trinken und anmaßend zu sein – für beides brauche sie keinen Vorwand. Stattdessen gründet sie – erst einmal für sich allein – einen feministischen Netflix-Club und hält fünf Serien schon einmal für eine gute Diskussionsgrundlage: Ganz oben rangiert "Marvel's Jessica Jones", eine ehemalige Superheldin mit einem Alkoholproblem und düsterer Vergangenheit, die sich nicht einmal die Mühe macht, ihre Fehler zu verbergen. Dann folgt der Horrorklassiker "Scream", der mit einer Horrorschablone bricht: Die promiskuitive Frau muss sterben, die Mittelklasse-Jungfrau überlebt, schreibt Mahdawi. Auch der Killer aus "Scream" scheint damit bestens vertraut zu sein, als er Sidney Prescott (Neve Campbell) droht: "You're not a virgin. Now you got to die. Those are the rules." Nun, gekommen ist es anders.

Dann gehört für die Autorin noch die Detektivinnen-Serie "The Fall" mit der unvergleichlichen Gillian Anderson auf die Liste, sowie "Pretty Little Liars", eine Serie über eine Mädchenclique, die versucht, das Verschwinden einer Freundin aufzuklären, und in der eines der Mädchen lesbisch sein kann, ohne dass daraus gleich eine große Sache gemacht wird.

Und schließlich findet sich noch Aziz Ansaris "Master of None" auf der TV-Club-Liste, die sowohl Alltagsrassismus wie auch Alltagssexismus klug und witzig in Szene setzt.

netflix us & canada

Ein "Wow" gibt es von Mahdawi für die Serie auch deshalb, weil sie zeigt, dass Erfahrungen von Frauen auch durch männliche Autoren artikuliert werden können. In der Tat: wow. (red, 15.1.2016)

dieWochenschau versammelt einige feministische Debatten und Ereignisse der vergangenen Woche, die in Blogs, sozialen Medien oder anderen Zeitungen aufgetaucht sind.

  • Aziz Ansari spielt in seiner und Alan Yangs Serie "Master of None" den Schauspieler Dev (links). In dieser Szene erzählen zwei Freundinnen, was sie tagtäglich an Sexismus erleben.
    foto: k.c. bailey/netflix/ap

    Aziz Ansari spielt in seiner und Alan Yangs Serie "Master of None" den Schauspieler Dev (links). In dieser Szene erzählen zwei Freundinnen, was sie tagtäglich an Sexismus erleben.

Share if you care.