Gutachter: Grazer Amoklenker war nicht zurechnungsfähig

15. Jänner 2016, 09:14
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Auch Verteidigerin überlegt jetzt, auf "nicht zurechnungsfähig" zu plädieren – Bisher zwei widersprüchliche Gutachten

Graz – Es ist knapp ein halbes Jahr her, als an jenem sonnigen 20. Junitag zur Mittagszeit ein Amoklenker in der Grazer Innenstadt mit seinem Geländewagen ein Blutbad anrichtete. Er raste in die stark frequentierte Herrengasse. Drei Menschen starben, 36 wurden verletzt, Dutzende schwer traumatisiert. Schon auf dem Weg in die City hatte der Täter Menschen angefahren und mit einem Messer attackiert. Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl war Augenzeuge und fiel beinah selbst der Amokfahrt zum Opfer.

Bis heute ist das Motiv dieses terroristisch anmutenden Gewaltaktes nicht geklärt. Der Beschuldigte rechtfertigt sich, er habe sich an diesem Tag verfolgt gefühlt. Gutachter sollten nun klären, ob der Mann zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war oder nicht.

Der vom Gericht beauftragte Psychiater kam zur Ansicht: Ja, er war zurechnungsfähig. Der "Staatsanwaltschafts-Psychiater" kam jetzt in seinem Gutachten aber zum Schluss, er sei "unzurechnungsfähig" gewesen. Die Klärung dieser Frage ist von zentraler Bedeutung, denn ein zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähiger Täter kann nicht bestraft werden, er wird in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

"Seelische Abartigkeit"

Einigkeit besteht laut Staatsanwaltschaft in der Einschätzung der Sachverständigen darüber, "dass der Beschuldigte die Taten unter dem Einfluss einer geistigen und seelischen Abartigkeit höheren Grades begangen hat und bei ihm die Gefahr weiterer solcher Taten besteht". Die entscheidende Frage aber, "ob der Beschuldigte im Tatzeitpunkt wegen seines geistigen und seelischen Zustandes fähig war, das Unrecht seiner Tat einzusehen", ist – aus Gutachtersicht – weiter ungeklärt.

Die Sachverständigen werden nun laut Strafprozessordnung von der Staatsanwaltschaft aufgefordert, binnen zwei, drei Wochen die Frage der Zurechnungsfähigkeit unter Einbeziehung des jeweils anderen Gutachtens neu zu bewerten. Lassen sich die Diskrepanzen nicht ausräumen, wird ein "Obergutachter" eine dritte Expertise vorlegen.

Auch die Verteidigerin des Beschuldigten, Liane Hirschbrich, hat ein Gutachten in Auftrag gegeben – bei Gerichtspsychiater Reinhard Haller. Mit dem nun vorliegenden Gutachten der Staatsanwaltschaft habe sich für ihren Mandanten allerdings eine neue Situation ergeben, die sie mit dem Beschuldigten besprechen werde. Liane Hirschbrich im Standard-Gespräch: "Das Gutachten bestätigt die Verantwortung meines Mandanten, wonach er sich massiv verfolgt gefühlt hat und in der Polizeistelle Schutz suchen wollte." Nicht auszuschließen, dass sie nun ebenfalls auf "nicht zurechnungsfähig" plädieren werde. (Walter Müller, 15.1.2016)

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