Nutzen und Grenzen der AMS-Flüchtlingserhebung

15. Jänner 2016, 05:30
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Der Kompetenzcheck des Arbeitsmarktservice rief gemischte Reaktionen hervor. Kritiker werfen dem AMS Schönfärberei vor. Ist da etwas dran?

Wien – Auf gute Nachrichten folgt im Leben nicht selten Ernüchterung. Diese Erfahrung macht derzeit auch das Arbeitsmarktservice. Am Montag hat AMS-Chef Johannes Kopf die Ergebnisse einer ersten Überprüfung der Qualifikationen von anerkannten Asylwerbern in Österreich vorgestellt. Mit Ausnahme der Afghanen fiel das Bildungsniveau unter den 900 getesteten Flüchtlingen aus Wien "deutlich höher" aus als erwartet, resümierte Kopf die Resultate. Besonders Syrer, Iraker und Iraner verfügten häufig über hohe Bildungsabschlüsse.

Doch prompt setzte Kritik ein. Auf Twitter hieß es, das AMS sei unwissenschaftlich vorgegangen. Im STANDARD-Forum war von einer "zurechtgezimmerten Studie" die Rede, Kopf betreibe Schönfärberei. "Unwissenschaftlich und verlogen" nannte Johann Gudenus von der FPÖ Wien den Kompetenzcheck. Aber was ist an der Kritik dran?

Angaben der Asylwerber

Ein zentraler Vorwurf lautete, dass die Kompetenzchecks auf den Angaben der Asylwerber aufbauen. Es könnte ja sein, dass sich die Befragten als überqualifiziert dargestellt haben. Das AMS hat sechs Bildungsinstitute in Wien damit beauftragt, die Qualifikationsüberprüfung durchzuführen. Eines war Murad und Murad, wo 170 Menschen aus dem arabischen Raum getestet wurden.

Wie die Geschäftsführerin Andrea Murad erzählt, wurden die Flüchtlinge in ihrer Einrichtung fünf Wochen lang begleitet. Neben Gruppentrainings waren jede Woche mehrere Stunden "Individualcoaching" mit einem Betreuer angesetzt. Dabei wurden dann die Qualifikationen abgefragt.

Genutzt wurde dafür ein Leitfaden. Da die Interviews in der Muttersprache stattfanden, seien die biografischen Angaben im Zuge der Gespräche auf ihre Plausibilität hin überprüft worden, sagt Murad. Die Ergebnisse wurden ans AMS übermittelt, nur in zwei Fällen habe es Zweifel an den Angaben gegeben. Im BFI und den anderen Bildungseinrichtungen wurde ähnlich vorgegangen.

Biografische Interviews

Doch ist das seriös? Ja, sagt Sylvia Supper, Expertin für wissenschaftliche Methoden in der Sozialforschung, die unter anderem an der Uni Wien lehrt. Die Gespräche mit den Flüchtlingen seien als biografische Interviews zu werten. Das sei eine innerhalb der Sozialwissenschaften etablierte Methode. Ihr wichtigstes Kennzeichen ist, dass nicht einfach Fragebögen ausgefüllt werden müssen, so wie in der quantitativen Forschung.

Die Informationen sollen vielmehr im Rahmen "qualitativer" Interviews erhoben werden. "Bei jeder Untersuchung gibt es das Problem, dass Menschen nicht immer die Wahrheit sagen. Aber gerade wenn hier in Einzelgesprächen nachgehakt wurde, erhöht das die Glaubwürdigkeit der Untersuchung. Hinzu kommt, dass Menschen sich schwerer tun zu lügen, wenn sie jemandem dabei in die Augen sehen."

AMS-Chef Kopf selbst weist noch auf einen anderen Punkt hin: Aus Sicht der Flüchtlinge mache es wenig Sinn, falsche Angaben zu tätigen. Denn Arbeitsplätze werden entsprechend den Erkenntnissen vermittelt, es würde also rasch auffallen, wenn jemand lügt.

Aussagekraft der Ergebnisse

Ein Kritikpunkt lautet, dass die Ergebnisse keine Aussagekraft haben. Richtig ist, dass die Kompetenzchecks, wie vom AMS betont wird, nicht repräsentativ sind. So waren die Hälfte der Befragten Frauen, obwohl ihr Anteil an allen Asylwerbern deutlich niedriger ist. Zudem wurde nicht darauf geachtet, dass alle Nationalitäten entsprechend den Asylanträgen in Österreich repräsentiert sind.

Aber der Glaube, die Untersuchung habe deshalb keine Aussagekraft, beruht auf einem Missverständnis, sagt Supper. Bei qualitativen Interviews reichen schon wenige Gespräche, manchmal nur sechs oder sieben, um seriöse Aussagen treffen zu können. Dabei gehe es ja darum, die Bandbreite bei einem Thema aufzuzeigen.

Alte Realität

Ein anderer Punkt betrifft die Frage, ob die AMS-Zahlen eine alte Realität abbilden. So heißt es häufig, dass Flüchtlinge, die seit dem Sommer kommen, schlechter ausgebildet sind.

Richtig ist, dass die jüngste Welle nicht einbezogen war, weil nur anerkannte Flüchtlinge vom AMS getestet wurden, die also schon länger da sind – viele sogar schon mehr als drei Jahre. Allerdings gibt es laut Arbeitsmarktservice bisher keine Erkenntnisse, wonach das Bildungsniveau unter Flüchtlingen sinkt. Soll heißen: Es ist möglich, muss aber nicht sein. Die Ergebnisse würden nahelegen, dass primär die Herkunft der Menschen für Qualifikation und Bildungsgrad entscheidend ist.

Diskrepanz zu Zahlen aus Deutschland

Ein weiterer Punkt betrifft die Diskrepanz zu Zahlen aus Deutschland. Die bisher größte deutsche Untersuchung ist eine von der Lawaetz-Stiftung in Hamburg durchgeführte Befragung aus dem Mai 2014. Die ausgewerteten Daten von 20.000 Asylwerbern ergaben ein anderes Bild. Hier lag die Akademikerquote bei rund zehn Prozent. Unter Irakern und Syrern aus der AMS-Befragung waren es rund 30 Prozent.

Doch der Co-Autor der deutschen Untersuchung, Thomas Mirbach, sieht keine Widersprüche zwischen den Ergebnissen, wie er dem STANDARD sagt. So habe man in Deutschland nur aggregierte Zahlen für Menschen aus 150 Nationen ausgewiesen, es sei also "durchaus plausibel, dass bei Syrern die Akademikerquote bei 30 Prozent liegt". (András Szigetvari, 15.1.2016)

  • Ergebnisse der Kompetenzchecks fielen laut AMS für Syrer, Iraker und Iraner "überraschend" gut aus.
    foto: standard/hendrich

    Ergebnisse der Kompetenzchecks fielen laut AMS für Syrer, Iraker und Iraner "überraschend" gut aus.

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