"Meilensteine der Philosophie": Ellenbogenschoner am Glitzersakko

14. Jänner 2016, 17:50
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Im ersten Teil seiner "großen Knaller zu Gast bei Robert Pfaller" parliert Talkmaster Pfaller im Rabenhof gewollt komisch mit zwei Karl Marxen

Wien – Das theatralische Getue der Fernsehphilosophen (an der Brille knabbern u. a.) ist Robert Pfaller zuwider. Deshalb hat sich der Weisheitsprofessor und Autor mehrerer populärphilosophischer Bücher eine Form des öffentlichen G'scheitelns überlegt, die genau das Gegenteil sein soll: Er will das "schlechte Theater" so sehr in den Vordergrund stellen, dass die Philosophie sich "hinterrücks einschleichen kann". Ein Science Buster der Metaphysik, sozusagen.

theaterrabenhof

Am Mittwoch feierte das Unterfangen im Rabenhof Premiere. Der verwandelte sich dafür ins Sanatorium, wo einem verrückt gewordenen Philosophen (Pfaller) sein Herzenswunsch erfüllt werden soll: eine eigene Talkshow. Als treu dem Auftrag des Oberarztes ergebenes Arbeiterproletariat schlüpfen die Krankenschwestern Susi (kernig, steirisch: Katharina Baumhackl) und Nadja (Katharina Lacina) zu diesem Zwecke flugs in Rauschebärte und Fräcke, um die Rolle des ersten Gastes auszufüllen: Karl Marx (1818-1883), oberster Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus.

Der doppelte Marx

Zu dritt klappert man die zentralen Begriffe der Marx'schen Lehren ab. Vom "Fetisch", den er als Erster vom Religiösen löste und auf die Ökonomie übertrug, über die "Entfremdung" des Arbeiters von seinem Produkt bis hin zum "Kapital". Dabei werden der junge ideologische und der alte, wissenschaftlich orientierte Marx gegeneinander ins Feld geführt – der dazu vorgestellte, oft kritisierte "epistemologische Einschnitt" als Übergang entstammt Louis Althussers Marx-Interpretation.

Das ergibt ein spannendes Theorie-Round-up, von dem man gerne noch mehr vertragen könnte. Pfaller will Marx aber nicht nur erklären, sondern auch praktisch auf das Heute anwenden. Der Schritt von der klassenlosen Gesellschaft zur Gendertheorie erweist sich da wie viele als einer, der sich zu gehen lohnt, bei anderen geht aber der Zeigefinger mit nach oben. Etwa angesichts der "Mäßigungsexzesse" der Nichtrauchendenbioveganenökofreilandhaltungskonsumenten. Da wird es dann holprig.

Lehrreich, aber belehrend

Ausgerechnet wenn er besonders witzig sein will, kommt dieser Abend leider mühsam didaktisch die weiße Showtreppe herunter. Belehrend statt lehrreich wird Pfaller das Glitzersakko des Showmasters dann gleich noch eine Nummer mehr zu groß und ähnelt er einem Oberlehrer, der sich im Übermut die Ellenbogenschoner vom Tweed gerissen hat, um zu charmieren, aber doch nicht aus seiner Haut kann. Das ist ermüdend.

Ganz geschmeidig bleibt hingegen das Duo Christoph und Lollo als musikkabarettistische Unterstützung. Ihre gesungene Marx-Biografie erntet nur den ersten von mehreren verdienten Zwischenappläusen. Auch das Lied über das Selbstausbeutungsdilemma des hipsterischen Freiberuflers ist ein Highlight. Gewollt gutes Theater befeuert die Philosophie also viel mehr als schlecht gespieltes. (Michael Wurmitzer, 14.1.2016)

Rabenhof Theater, 28.1, 15.3., 8.5., jeweils 20.00

  • Philosoph Robert Pfaller (Mitte) mit seinen beiden Marxen/Krankenschwestern (Katharina Baumhackl, Katharina Lacina) sowie den Musikkabarettisten Christoph & Lollo.
    foto: rabenhof

    Philosoph Robert Pfaller (Mitte) mit seinen beiden Marxen/Krankenschwestern (Katharina Baumhackl, Katharina Lacina) sowie den Musikkabarettisten Christoph & Lollo.

  • Auf der Showtreppe mit Hammer und Sichel.
    foto: rabenhof

    Auf der Showtreppe mit Hammer und Sichel.

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