NSU-Prozess: Vernehmung von mutmaßlichem Waffenbeschaffer beendet

14. Jänner 2016, 17:13
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Opfer empfindet Wohllebens leugnende und lückenhafte Aussage als "Zumutung"

München – Im NSU-Prozess gegen mutmaßliche deutsche Rechtsterroristen hat das Gericht die Vernehmung des über lange Zeit schweigsamen Mitangeklagten Ralf Wohlleben beendet. Erneut bestritt der mutmaßliche Waffenbeschaffer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" vor dem Oberlandesgericht München den Anklagevorwurf und bekräftigte, er habe Gewalt stets abgelehnt.

Mehrere Nebenkläger kritisierten seine Aussagen scharf. Gamze Kubasik, die Tochter des im April 2006 mutmaßlich vom NSU erschossenen Dortmunder Kioskbetreibers Mehmet Kubasik, empfinde sie als "Zumutung", sagte ihr Anwalt Sebastian Scharmer.

Gedächtnislücken

Wohlleben machte am Donnerstag auf viele Fragen des Gerichts Gedächtnislücken geltend. Dabei ging es etwa um den Inhalt von Gesprächen, die er bei konspirativen Treffen mit dem 1998 in den Untergrund abgetauchten NSU-Trio führte.

Nicht erinnern konnte er sich auch, ob mit der Waffe, die nach seiner Darstellung der ebenfalls mitangeklagte Carsten S. für das Trio besorgte, auch Munition mitgeliefert wurde. S. hatte schon zu Beginn des Prozesses Wohlleben belastet und gesagt, er habe ihn mit dem Kauf der Waffe beauftragt. Wohlleben sagte dagegen, S. habe die Pistole ohne sein Zutun beschafft. Bei dieser Pistole soll es sich um die "Ceska" handeln, mit der neun der zehn NSU-Mordopfer getötet wurden.

Mehrere Nebenklage-Anwälte werteten Wohllebens Aussagen als Beleg für seine Schuld. Er habe mehrfach konspiratives Verhalten eingeräumt, von Schießübungen gewusst und den Polizeifunk abgehört, sagte Rechtsanwältin Antonia von der Behrens. Außerdem habe er zugegeben, er habe gewusst, dass sich das NSU-Trio den Sprengstoff TNT beschafft habe.

Erklärung angekündigt

Die Bundesanwaltschaft kündigte ebenfalls eine Erklärung zu Wohllebens Aussage an.

Ursprünglich hatte das Gericht geplant, Wohllebens Vernehmung kommenden Dienstag fortzusetzen. Diesen Termin setzte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl aber ab. Stattdessen geht der NSU-Prozess am kommenden Mittwoch weiter. Götzl kündigte an, dass er an diesem Tag mit der Vernehmung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe beginnen möchte.

Anders als Wohlleben will Zschäpe die Fragen des Gerichts allerdings nur schriftlich beantworten und von ihrem Verteidiger Mathias Grasel verlesen lassen. Zschäpe ist die einzige Überlebende des NSU-Trios, zu dem noch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehört haben sollen. Sie muss sich als mutmaßliche Mittäterin für die Serie von zehn Morden an Migranten und einer Polizistin sowie zwei Sprengstoffanschlägen verantworten. (APA, 14.1.2016)

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