Geschwisterrivalität: Was Eltern tun sollen, wenn Kinder streiten

Blog15. Jänner 2016, 10:50
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Kinder erfahren beim Streiten Grenzen – ihre eigenen und auch die des anderen Kindes

Während Max in sein Zimmer stürmt und laut vor sich hinschreit, steht Dominik vor der Zimmertür seines Bruders und tritt mit dem Fuß dagegen. "Traust dich eh nicht raus, du Loser!" Wieder trifft ein Fußtritt die Türe. Maria, die Mutter der beiden pubertierenden Buben, läuft gerade aus dem Wohnzimmer, um den Streit zu beenden. Aus dem Zimmer von Max dröhnt laute Musik. "Komm endlich raus, du Arschloch!", schreit der vor der Tür stehende Bruder. "Was ist denn los?", will die Mutter wissen. Doch Dominik ignoriert sie und beginnt wie wild an die Tür zu klopfen, an der Türschnalle zu reißen und laut Schimpfwörter zu schreien. Dominik wird von seiner Mutter in sein Zimmer geschickt. "Du kommst erst raus, wenn du dich wieder beruhigt hast!"

Martha und Jonathan sind Zwillinge. Jedes der beiden Kinder geht in eine andere Klasse der gleichen Schule. Hat Martha eine bessere Note als Jonathan, beginnt der Bub regelmäßig zu schreien und zu toben, läuft ins Zimmer und zerstört Marthas Spielsachen vor lauter Wut darüber, nicht besser zu sein. Ist es Jonathan hingegen gelungen, eine gute Note nach Hause zu bringen, ärgert er Martha so lange damit, bis diese weinend in ihr Zimmer läuft.

Den beiden Beispielen ist eines gemeinsam: Die Eltern verstehen nicht, wieso diese und ähnliche Situationen immer wieder eskalieren. Sie reden mit den Kindern darüber, aber alle Regeln, auf die man sich zuvor geeinigt hat, scheinen in solchen Situationen keine Bedeutung mehr zu haben.

Rivalität und Eifersucht

Rivalität unter Geschwistern ist gar nichts Ungewöhnliches. Selbstverständlich bereiten Eltern das größere Kind auf das neue Baby vor, aber die ganze Tragweite eines neuen Familienmitglieds können sich Kinder, wie auch Eltern, in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen. Nicht jedes Kind ist auf sein Geschwisterchen eifersüchtig, aber oftmals kann es sein, dass die Eifersucht auf Umwegen gezeigt wird, etwa mit den Worten: "Können wir das Baby nicht zurückgeben?" Anders zeigt sie die dreijährige Lara, die der Mama gerne beim Wickeln des Babys hilft, mit dem Baby kuschelt und ihm auch zärtlich ein Bussi auf die Wange gibt. Jedoch schlägt sie manchmal ohne Grund die Mama.

Wenn Geschwister einander ärgern, miteinander streiten oder aus unerklärlichen Kleinigkeiten ein riesiger Streit vom Zaun gebrochen wird, sind es meist die Eifersucht und die Rivalität um die Aufmerksamkeit der Eltern, die die Kinder so handeln lassen, wie sie es tun.

Kinder lernen, Konflikte auszutragen

Meist fühlen sich Eltern und Bezugspersonen hilflos, wenn Kinder über Dinge streiten, die in den Augen der Eltern Kleinigkeiten sind. Sie versuchen den Streit zu schlichten, damit wieder Ruhe herrscht. Doch oft ist es sinnlos, sich in den Streit der Kinder einzumischen, denn ist der eine Streitpunkt erledigt, findet sich meist ganz schnell ein neuer.

Streiten hat auch etwas Gutes: Es ist wichtig für Kinder zu lernen, wie sie Konflikte austragen können. Es ist also nicht die Aufgabe der Erwachsenen, die Konflikte der Kinder immerwährend durch ihr Einschreiten zu schlichten. Es geht vielmehr darum, den Kindern Hilfe und Vorbild bei der Art und Weise des Streitens zu sein. Kinder erfahren beim Streiten Grenzen – ihre eigenen und auch die des anderen Kindes. Selbstverständlich kann es notwendig sein, dass Eltern und Bezugspersonen sich bei einem Kinderstreit einmischen, zum Beispiel wenn das Gegenüber unterlegen ist oder die Kinder den Streit nicht von selbst beilegen können und er zu eskalieren droht.

Eltern helfen, wenn Kinder den Konflikt nicht lösen

Welche Art von Unterstützung kann also notwendig sein, damit Kinder miteinander streiten lernen? Wenn Kinder einen Konflikt miteinander haben, wenn sie lautstark streiten, dann können Erwachsene ihren Kindern durchaus den Raum geben, dieses Problem selbst zu lösen. Natürlich ist es sinnvoll, im Auge zu behalten, wie sich der Streit entwickelt und ob ein Gleichgewicht besteht oder eines der Kinder unterlegen ist. Erst wenn klar ist, dass die Kinder keine eigene Lösung finden, ist die Präsenz und eventuell auch die Hilfestellung durch die Eltern notwendig.

Wer hat was wem warum getan?

Jedenfalls ist es wichtig, dass Eltern und Bezugspersonen nicht für ein Kind Partei ergreifen. Es ist nicht immer der Kleinere unschuldig oder der Lautere für den Streit verantwortlich. Notwendig ist, sich von allen beteiligten Kindern das Problem schildern zu lassen. Jedes Kind darf reden, ohne unterbrochen zu werden. Wer hat was wem warum getan? Das gilt es herauszufinden. Zusätzlich hilft das darüber Reden dem Kind, wieder ruhiger zu werden, es fühlt sich ernst genommen und bekommt die Aufmerksamkeit des Erwachsenen. Wichtig ist auch, die Kinder unabhängig von der Schuldfrage zu trösten.

Das Problem der Kinder können Eltern nicht lösen, es ist auch nicht ihre Aufgabe, sondern die der Kinder. Aber sie können bei der Klärung helfen. Die Erwachsenen können gemeinsam mit den Kindern Lösungsmöglichkeiten überlegen. Wichtig dabei ist, dass nicht der Erwachsene die Lösung findet. Den Kindern gelingt es in der Regel ganz gut, durch die Anwesenheit eines Erwachsenen selbst Lösungen für ihren Streit zu finden. Auch gelingt es Kindern fast immer selbst, Frieden zu schließen, und oftmals fallen ihnen dann auch Friedensangebote ein, die sie einander gerne anbieten.

Ihre Erfahrungen?

Welche Erfahrungen haben Sie mit Konflikten Ihrer Kinder? Welche Streitkultur gibt es in Ihrer Familie? Posten Sie Ihre Fragen und Ideen. (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 15.1.2016)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

  • Kindern gelingt es in der Regel ganz gut, durch die Anwesenheit eines Erwachsenen selbst Lösungen für ihren Streit zu finden – und Frieden zu schließen.
    foto: istockphoto.com/chuckcollier charles schmidt

    Kindern gelingt es in der Regel ganz gut, durch die Anwesenheit eines Erwachsenen selbst Lösungen für ihren Streit zu finden – und Frieden zu schließen.

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