Nach VW Abgasalarm auch bei Renault

14. Jänner 2016, 13:48
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Der VW-Abgasskandal erfasst Frankreich. Renault-Standorte wurden gefilzt, die Aktie stürzte um mehr als 20 Prozent ab

Vier Milliarden Euro, das ist der Preis für 400.000 Renault Twingos. So viel Geld wurde am Donnerstag binnen weniger Stunden an der Pariser Börse vernichtet, nachdem eine Gewerkschaft über eine Hausdurchsuchung beim französischen Autobauer berichtet hatte. Sofort hagelte es Schlagzeilen über einen neuen Abgasskandal; der Aktienkurs von Renault sackte zeitweise um mehr als 20 Prozent ab.

Renault bestätigte schließlich die Razzien an den zwei Forschungszentren Lardy und Guyancourt. Die Operationen der französischen Antibetrugs- und Wettbewerbsbehörde DGCCRF hatten vor einer Woche stattgefunden. Ein Vertreter der Gewerkschaft CGT, Florent Grimaldi, erzählte, dass die Ermittler tragbare Computer hochrangiger Manager beschlagnahmt hätten. Die Durchsuchung habe den Bereichen Motorenabnahme und -kontrolle gegolten. Ob es um Betrugsvorwürfe gegangen sei, wusste Grimaldi nicht. Dass ein Bezug zum VW-Skandal bestehen könnte, hält er für "vorstellbar", doch gebe es keinerlei Bestätigung dafür.

Renault dementiert

Auch Renault bestreitet jede Zuwiderhandlung. Der Hersteller erklärte, er kooperiere restlos mit der DGCCRF, die weitere Untersuchungen vornehmen werde. Der Hersteller habe schon in einer Untersuchung der Umweltministerin Ségolène Royal mitgearbeitet, wobei "kein Hinweis auf das Vorhandensein von Manipulationssoftware" gefunden worden sei. Die neuen Durchsuchungen dürften diese Ergebnisse "bestätigten", fügte Renault an. Auch Mercedes erklärte, seine von Renault übernommenen Diesel-Motoren seien nicht manipuliert: "Renault hat uns versichert, dies nicht zu tun", meinte ein Mercedes-Sprecher.

Offenbar aufgeschreckt von den Renault-Meldungen, verlegten die Anleger ihr Augenmerk auf den Rivalen Peugeot Citroën PSA. Sein Kurs verlor bis zu zehn Prozent an Wert, obwohl das Unternehmen jeden Betrugsverdacht von sich wies. Auch VW-, Daimler- und BMW-Aktien verloren an Boden. In Mailand wurde der Handel mit FiatChrysler ausgesetzt, nachdem der Kurs um fast neun Prozent eingebrochen war. Das war eine Reaktion auf Meldungen, Fiat habe seine Absatzzahlen in den USA geschönt.

"Mission unaccomplished"

Überschaubar scheint der Erfolg von VW-Chef Matthias Müller in den USA. In der Welt der Diplomatie wäre es wohl das Eingeständnis vorläufigen Scheiterns. "Wir wissen das Gespräch mit Volkswagen zu schätzen. Wir werden weiter an einer Lösung arbeiten", ließ Gina McCarthy, die Direktorin der US-Umweltbehörde EPA, in einem dürren Zweizeiler wissen. Eine Stunde lang hatte sie am Mittwoch in Washington mit VW-Chef Matthias Müller geredet, und wer damit die Hoffnung auf einen Durchbruch verband, sieht sich eines Besseren belehrt. Die überaus knappen Statements lassen nicht darauf schließen, dass eine Einigung näher gerückt ist. "Mission unaccomplished", muss man wohl sagen.

Der Chef des VW-Konzerns ist über den Atlantik geflogen, um für ein Unternehmen zu werben, dessen Image durch systematische Betrügereien bei amtlichen Abgastests schwer gelitten hat. Doch als Krisenmanager machte er eine denkbar schlechte Figur, bisweilen unbeholfen, ja plump im Auftritt. Statt den Schaden zu begrenzen, hat er ihn – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – eher vergrößert. Was die US-Autowelt erlebte, war ein Ingenieur, der mit Kommunikation nicht viel anzufangen weiß und den Eindruck erweckte, als habe er noch immer nicht verstanden, wie viel Vertrauen VW verspielt hat.

Eigentlich müsste Müller an einem schnellen Ergebnis interessiert sein, und doch bewirke er eher das Gegenteil, attestiert Rebecca Lindland, Analystin beim Kelley Blue Book, quasi Amerikas Bibel der Autobranche. "Jeder Tag, an dem es keine Lösung gibt, ist ein schlechter Tag für VW." Auf die Frage, wie lange es noch dauern werde, bis die Differenzen mit den US-Umweltbehörden aus der Welt geschafft seien, antwortete der bei der EPA für Transport und Luftreinhaltung zuständige Chris Grundler mit einem salomonischen "Ich weiß es nicht".

Heißt übersetzt: Die Stimmung ist mies. Müller selbst trug dazu erheblich bei, vor allem durch ein Radiointerview, in dem er den Einbau der Schummelsoftware erst als technisches Problem bezeichnete, nicht als ethisches, und dann das Interview wiederholen wollte. (Stefan Brändle, Frank Herrmann, 14.1.2016)

  • Nach VW muss auch Autobauer Renault sein Image polieren.
    foto: afp / phillippe huguen

    Nach VW muss auch Autobauer Renault sein Image polieren.

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