Bluthochdruck: 120 ist das neue 140

15. Jänner 2016, 08:00
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Eine US-Studie empfiehlt, den systolischen Blutdruck von Menschen mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko auf 120 zu senken

Wien – Bisher galten Blutdruckwerte bis zu 140/90 mmHg als "normal". Das soll nun nicht mehr gelten. Zumindest für jene Menschen, die ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen. Das neue Ideal heißt 120/80 mmHg. Denn die US-amerikanische "Sprint"-Studie, die Ende 2015 im "New England Journal of Medicine" erschien, kommt zu dem Schluss, dass Betroffene seltener kardiovaskuläre Leiden entwickeln und weniger häufig frühzeitig sterben, wenn ihr systolischer Blutdruck auf 120 gesenkt wird.

Die Details: Alle 9.361 Probanden waren mindestens 50 Jahre alt, hatten einen systolischen Blutdruck zwischen 130 und 180 sowie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diabetiker und Patienten, die bereits einen Schlaganfall erlitten hatten, duften nicht teilnehmen. Bei einem Teil der Patienten wurde die blutdrucksenkende Therapie intensiviert (im Mittel täglich 2,8 Tabletten gegen Hypertonie), die Kontrollgruppe erhielt weiterhin die Standardtherapie (im Schnitt 1,8 Tabletten pro Tag).

Studie vorzeitig abgebrochen

Die Ergebnisse: Durch die intensivere Behandlung konnte der systolische Blutdruck im Mittel auf 121 mmHg gesenkt werden. Das Risiko für Herzinfarkt, andere akute Koronarerkrankungen, Schlaganfall, Herzschwäche und Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringerte sich dadurch um 25 Prozent.

Die Todesfälle in absoluten Zahlen: 155 Patienten (3,3 Prozent) in der Interventionsgruppe versus 210 Menschen (4,5 Prozent), die weiterhin die Standardtherapie erhalten hatten. Von den Intensivpatienten starben 37 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, bei den Kontrollprobanden waren es 65. "Die Studie war ursprünglich auf sieben Jahre angelegt, wurde aber nach etwas mehr als drei Jahren vorzeitig beendet, weil sich dieser klinisch bedeutsame Vorteil zeigte", sagt Thomas Weber, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie.

Unterschätztes Problem

Heimische Experten gehen davon aus, dass in Österreich etwa ein Viertel der Hypertoniepatienten von einer solchen intensivierten Behandlung profitieren würden. Der mögliche Preis dafür: ein höheres Nebenwirkungsrisiko. 204 Teilnehmer der Intensivgruppe waren während der "Sprint"-Studie von einem akuten Nierenversagen betroffen (120 in der Kontrollgruppe), 163 Intensivpatienten erlitten einen Kreislaufkollaps (Kontrollprobanden: 113).

Kardiologe Weber hält das Nebenwirkungsrisiko für vertretbar, räumt allerdings ein, dass die Sinnhaftigkeit, den systolischen Blutdruck unter 120 zu senken, individuell beurteilt werden muss: "Es gibt immer wieder Patienten, die einen niedrigen Blutdruck nicht vertragen. Doch die Gefahr einer Übertherapie ist sicherlich geringer als jene, dass zu wenig getan wird."

Darauf deuten auch vorliegende Zahlen und Schätzungen hin: "Jeder dritte Mensch über 25 Jahren leidet an einem Bluthochdruck", sagt Bruno Watschinger, Nieren- und Hypertoniespezialist von der Med-Uni Wien. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 38 Prozent der Österreicher von Hypertonie betroffen sind. Fest steht: "An kardiovaskulären Erkrankungen sterben jährlich mehr als 33.000 Menschen – und damit bedeutend mehr als an Krebs, vor dem wir uns weitaus mehr fürchten", wie Watschinger betont.

Auf die Messung kommt es an

Heißt das nun, dass alle Menschen mit einem systolischen Blutdruck über 120 schleunigst zum Kardiologen sollten? Nein, denn die Empfehlungen gelten für Menschen, die ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen. Selbst die Österreichische Gesellschaft für Hypertensiologie plädiert dafür, die Formulierung "unter 130 mmHg" anzuwenden. Zudem ist es nicht unerheblich, wie der Blutdruck gemessen wird. Zu den häufigsten Fehlerquellen zählen zu große oder zu kleine Manschetten, falsche Positionierung an Arm oder Bein und ungenaue Geräte, aber auch das soziale Setting.

"Die herkömmliche Blutdruckmessung beim Hausarzt, auch 'Weißkittelhochdruck' genannt, übertreibt häufig", sagt Kardiologe Weber. Wichtig sei daher eine regelmäßige standardisierte Messung, wie sie etwa in der "Sprint"-Studie vorgenommen wurde. Die US-Forscher setzten auf eine dreifache Selbstmessung mit automatischen Geräten in einem ruhigen Raum und in Abwesenheit des Arztes. Die Werte wurden zu Beginn monatlich, danach dreimonatlich erhoben. Vor der Messung musste eine Ruhezeit von fünf Minuten eingehalten werden.

Bereits eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 hat gezeigt, dass der automatisch gemessene Blutdruck genauere Ergebnisse liefert und besser mit dem 24-Stunden-Blutdruck – der gemeinhin als valide gilt – korreliert als manuell gemessene Werte. So gesehen ist es nicht ausgeschlossen, dass der Blutdruck auch ohne Medikamente auf ein gesundes Maß sinken kann. (gueb, 15.1.2016)

Originalstudien:

A Randomized Trial of Intensive versus Standard Blood-Pressure Control

Conventional versus automated measurement of blood pressure in primary care patients with systolic hypertension: randomised parallel design controlled trial

Informationen zu Blutdruck und zur Sprint-Studie:

  • Blutdruck: Bei der Messung werden immer zwei Werte angegeben, zum Beispiel 140 zu 90 mmHg. Der höhere Wert ist der systolische Blutdruck. Er tritt auf, während das Herz Blut in die Schlagadern drückt. Der niedrigere, diastolische Blutdruck zeigt jenen Wert an, wenn sich die Herzkammern entspannen und füllen.

  • Sprint-Studie: Insgesamt nahmen 9.361 über 50-Jährige aus den USA und Costa Rica an der Studie teil. Ihr systolischer Blutdruck lag zwischen 130 und 180. Ein weiteres Kriterium war das erhöhte Risiko für Herzkreislauferkrankungen, wobei Menschen über 75 Jahre automatisch zur Risikogruppe gezählt wurden. Von einer Teilnahme ausgeschlossen waren Diabetiker und Personen, die bereits einen Schlaganfall erlitten hatten. Auch Patienten, deren Hypertonie medikamentös sehr schlecht beeinflussbar war, wurden nicht berücksichtigt.

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  • Bluthochdruck ist ein unterschätztes Problem, sind sich Mediziner einig.
    foto: www.corn.at / heribert corn

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