"Bestellt einer Diavolo, bestellen sie alle"

Interview13. Jänner 2016, 17:24
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Mit der Qualifikation beginnt am Donnerstag auf dem Kulm in Bad Mitterndorf die 24. Skiflug-Weltmeisterschaft. Die Norweger sind Mitfavoriten, ihr österreichischer Cheftrainer Alexander Stöckl hat die Erklärung parat

STANDARD: Sie sind zu Norwegens Trainer des Jahres gekürt worden. Ist das eine Bestätigung Ihrer Arbeit mit Athleten wie Kenneth Gangnes, Anders Fannemel, Johann André Forfang oder Daniel-André Tande?

Stöckl: Ich war überrascht, weil ich nicht so viel Erfahrung habe als Cheftrainer. Die Langläufer waren 2015 sehr erfolgreich, die Handballerinnen Weltmeister. Ich fühle auch Stolz.

STANDARD: 2011 übernahmen Sie eine kriselnde Skisprungnation, Ihr Engagement wurde zunächst kritisch beurteilt. Wie schwierig war der Beginn?

Stöckl: Kritik kam hauptsächlich von außen. Ein ehemaliger Nachwuchstrainer wird Chef? Von der Verbandsspitze spürte ich immer volles Vertrauen. Es war schwierig, etwas weiterzubringen, aber es war nie schwierig, etwas durchzusetzen.

STANDARD: Die Österreicher springen der Konkurrenz hinterher. Ist Trainer Heinz Kuttin in einer ähnlichen Situation wie Sie damals? Was kann, was muss er machen?

Stöckl: Ich möchte keine Ratschläge geben, bin schon zu lange weg vom ÖSV. Aber der personelle Aderlass in den letzten Jahren war schon gewaltig. Es gibt andere Teams, die auch gut arbeiten. Ein dritter Platz bei der Tournee ist aber immer noch sehr viel wert.

STANDARD: Sie haben auffallend viele junge Athleten, die nach oben streben. Warum?

Stöckl: Wir haben endlich eine einheitliche Philosophie. Das hat gedauert. Norwegen ist ein großes Land, es war nicht einfach, alle Trainer an einen Tisch zu bekommen. Es gab Grüppchenbildungen, Machtspiele.

STANDARD: Haben Sie die Stützpunkttrainer entmachtet?

Stöckl: Als Cheftrainer muss man auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Das Wichtigste ist, Entscheidungen erklären zu können.

STANDARD: Skispringen ist ein Einzelsport. Warum freut sich bei Ihnen die gesamte Mannschaft über Erfolge Einzelner?

Stöckl: Das liegt an der norwegischen Mentalität und an unseren Werten im Skisprung. Halten sich die Erfolge im Rahmen, ist es auch leichter, sich für den anderen zu freuen.

STANDARD: Ist diese Geschlossenheit überhaupt eine norwegische Eigenschaft?

Stöckl: Auf jeden Fall. Ich bezeichne das als den Diavolo-Effekt. Wenn wir mit der Mannschaft Pizza essen gehen, und einer bestellt eine Diavolo, dann bestellen alle Diavolo.

STANDARD: Im finnischen Skiverband essen nicht alle die gleiche Pizza, dessen Skispringer sind in der Dauerkrise.

Stöckl: Die Finnen haben es verabsäumt, die nächste Generation an Trainern auszubilden und ehemalige Athleten im Sport zu halten. Die gesamte Organisation ist im Umbruch, im Verband herrscht wenig Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Sparten. Mein Vorgänger in Norwegen, Mika Kojonkoski, bemüht sich, das finnische System wieder auf gesunde Beine zu stellen.

STANDARD: Wie viele Medaillen wird sich Norwegen am Kulm abholen?

Stöckl: Medaillen muss man sich erkämpfen. Wir sind froh, dass wir mit einem Haufen guter Springer hinfahren. Wir wollen im Einzel- und im Teambewerb um Medaillen mitmischen.

STANDARD: Der Kulm ist jetzt so mächtig wie die Rekordschanzen in Planica und Vikersund. Wie weit darf, wie weit soll geflogen werden?

Stöckl: Grundsätzlich gibt es keine Grenzen. Der Skiverband agiert aber sehr klug, schraubt die Höhendifferenz zwischen Schanzentisch und Auslauf nur schrittweise nach oben. Dadurch bleibt der Wettkampf spannend.

STANDARD: Red Bull plante vor Jahren in Kärnten den Bau einer 300-Meter-Schanze.

Stöckl: Das sind Gedanken, die unseren Sport zerstören. Fliegt ein Athlet dann 315 Meter weit, hätten die 250 Meter in einem Weltcupbewerb keine Wertigkeit mehr. Der Sport bleibt nur interessant, wenn es ganz schwer ist, Weltrekorde zu brechen.

STANDARD: Gregor Schlierenzauer ist mit 26 Jahren in einer Krise. Spielt das Alter eine große Rolle im Skispringen?

Stöckl: Nicht unbedingt. Der Werdegang des Sportlers ist entscheidend. Für Gregor, der so viel gewonnen hat und dabei so jung war, ist es sicher nicht mehr so leicht, sich zu motivieren. Reglement und Material verändern sich. Er war unter konstanten Bedingungen unglaublich erfolgreich. Jetzt muss man aggressiver Ski springen. Sich immer wieder neu einzustellen, das erfordert große mentale Stärke.

STANDARD: Skifahrer Hannes Reichelt sagt, er ist froh, dass er essen kann, was er will. Sind Skispringer neben der psychischen auch ständig einer physischen Extremsituation ausgesetzt?

Stöckl: Die BMI-Regel macht Sinn und funktioniert. Ich kenne heute keinen Springer im Weltcup, der unterernährt ist. Das macht sich bei meinen Athleten auch dadurch bemerkbar, dass sie kaum krank sind. Dabei ist der Reisestress viel größer als früher. Jetzt haben wir 40 Bewerbe von November bis März. Vor zehn Jahren waren es noch ein Drittel weniger. Da musst du genug essen, damit du das durchdrückst. (Florian Vetter, 14.1.2016)

Alexander Stöckl (42) aus Tirol ist seit März 2011 Trainer der norwegischen Springer. Der Vertrag des St. Johanners wurde bis 2018 verlängert. Davor wirkte er als Lehrer in Stams, als Assistent der österreichischen Cheftrainer Andreas Felder und Mika Kojonkoski sowie als Trainer der Junioren des ÖSV. Als Aktiver hat Stöckl als bestes Ergebnis einen 15. Platz im Skifliegen am Kulm 1993 zu Buche stehen.

  • Mit der norwegischen Flagge auf der Stirn durch den Winter: Der Tiroler Alexander Stöckl überflügelt mit seinen Skandinaviern die Österreicher in der Nationenwertung bis dato ganz deutlich.
    foto: apa/expa/jfk

    Mit der norwegischen Flagge auf der Stirn durch den Winter: Der Tiroler Alexander Stöckl überflügelt mit seinen Skandinaviern die Österreicher in der Nationenwertung bis dato ganz deutlich.

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