"Tschick": Reise auf den Mond gleich hinter Berlin

13. Jänner 2016, 16:30
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So lässt sich ein Roadmovie-Roman trefflich illustrieren: Herrndorfs "Tschick" im Theater im Zentrum

Wien – Der wichtigste Jugendroman des noch jungen Jahrtausends nimmt in Berlin-Hellersdorf seinen Ausgang. Tschick, der Erfolgstitel des entsetzlich früh verstorbenen Wolfgang Herrndorf, ist ein erzählerisches Roadmovie. Das Buch, gleich nach seinem Erscheinen 2010 völlig zu Recht bejubelt, atmet den Zauber von Salingers Fänger im Roggen. Es führt den Helden Maik, einen 14-jährigen Traumichnicht aus zerrütteten Wohlstandsverhältnissen, in das Umland von Berlin. Maik hat sich mit dem russischen Aussiedlerjungen Tschick zusammengeschlossen. Beide eint, bei gänzlicher Verschiedenheit des Backgrounds, der gemeinsame Überdruss am Leben.

Auch für die Aufführung des Theaters der Jugend, eine wirkliche Großtat von Intendant Thomas Birkmeir (Regie), gilt: Maik und sein scheinbar begriffsstutziger Freund sind furchtbar scheu. Zugleich schließen sie die ganze Welt in die Arme. Die beiden Halbwüchsigen sind reine Toren. Sie treffen im Theater im Zentrum auf das Strandgut unserer Gesellschaft, auf dörfliche Öko-Esser, auf übelriechende Müllhaldennixen, auf schießwütige Prothesenträger. Die Autotour führt in bizarrem Zickzackkurs durch die Mark Brandenburg. Doch Maik und Tschick gleichen in ihrem saukomischen, sturen Ernst auch Mondfahrern. Nichts ist schließlich fremder als die uns bekannt dünkende Welt.

Maik (Meo Wulf) und Tschick (Luka Dimic) dürfen für ökologisch äußerst genügsame Verkehrsteilnehmer angesehen werden. Auf der klaustrophobisch geschlossenen Bühne (Ausstattung: Goda Palekaite) reichen zwei rostige Klappsessel und ein Sportwagenlenkrad aus. Mehr braucht es nicht, um einen gestohlenen Lada Niva hervorzuzaubern.

Die Rückwand bildet einen sanften Abhang. Auf ihm rutschen die milchbärtigen Outlaws nacheinander ins Glück und in den Abgrund. Es versteht sich von selbst, dass das Gefühl unbeschränkter Freiheit nicht besonders lange währt. Die Sprödigkeit Maiks korrespondiert prächtig mit einer anderen berühmten Asozialen-Figur der Neuzeit, mit Brechts in die Wälder flüchtendem Baal.

Drossel im Hippiekleid

Im Unterschied zu ihm lässt Wulf es an Kraftmeierei fehlen. Sein Bursche ist zäh, dabei vorsichtig gewitzt und nach allen Seiten hin offen. In Herrndorfs Halbwüchsigenwelt reichen sich Vernunft und Poesie immer wieder die Hände. Hingetupft hat Birkmeir die sozialen Begleitumstände. Maiks Mama (Pia Baresch) gibt die Schnapsdrossel im Hippie-Hauskleid. Ihr Mann (Uwe Achilles) sekundiert als überschnappender Unternehmertyrann. Die auftretenden Herrschaften aus den neuen Bundesländern werden hastig skizziert. Nichts und niemand darf Fett ansetzen in dieser Inszenierung (sieht man von einer dicken "Sprachtherapeutin" ab, gespielt von Baresch). Alle Figuren befinden sich unausgesetzt auf großer Fahrt.

Maik gibt den vermeintlich allwissenden Erzähler. Das Theater der Jugend jagt Maik und Tschick durch ein szenisches Malbuch, und man möchte gar nicht aufhören, darin zu blättern. Tschick, die burleske Figur, landet im Heim. Maik aber sitzt, innerlich frohlockend und blasenblubbernd, auf dem Grund eines Swimmingpools. Einhelliger Jubel. (Ronald Pohl, 13.1.2016)

  • Auf der Jagd nach dem wirklichen Leben im Theater im Zentrum (ab 13 Jahren): Meo Wulf (li.) und Luka Dimic in "Tschick" von Wolfgang Herrndorf, in einer Textfassung von Robert Koall.
    foto: rita newman

    Auf der Jagd nach dem wirklichen Leben im Theater im Zentrum (ab 13 Jahren): Meo Wulf (li.) und Luka Dimic in "Tschick" von Wolfgang Herrndorf, in einer Textfassung von Robert Koall.

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