Pro & Kontra: Auf die innere Uhr hören

14. Jänner 2016, 15:00
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Vertrauen auf die endogenen Zeichen

foto: afp / jeff pachoud

Pro
von Margarete Affenzeller

Sollte ich jemals in den Weiten karelischer Wälder ausgesetzt werden oder am Fuß der Gletscherzungen Islands, dann ist das kein Problem. Meine innere Uhr wird mir sagen, wann es Zeit ist, ein Loch in die Erde zu graben. Nicht um mich den ewigen Jagdgründen anzuempfehlen, sondern um mich frohgemut vor Kälte und Wind zu schützen, auf dass der folgende Tag wieder mit Energie begangen werden kann.

Schon immer hat mein Körper aus dem Innersten heraus gewusst, wann es Zeit ist, zu schlafen oder Nahrung zu sich zu nehmen. Während andere beim Weckerläuten pfeilgerade aus ihren Träumen schießen oder zum Gongschlag ihre Mittagsmahlzeit einnehmen, warte ich seelenruhig auf die endogenen Zeichen.

Ich sehe mich da vollends bestätigt. Man bedenke, wie viele Leben durch das Vertrauen auf die innere Uhr bereits gerettet werden konnten. Neulich wieder: Leonardo DiCaprio pirscht als Trapper durch die amerikanische Wildnis. Und genau in dem Moment, als ein Grizzly sich von hinten auf ihn stürzt, dreht er sich um. Hätte ich auch gemacht.

Kontra
von Ronald Pohl

Manchmal läuft meine innere Uhr wie aufgezogen. Dann ticken die Stunden immer schneller herunter, und ich bin überall früher da.

Leider Gottes hält die Welt mit meiner inneren Zeiteinteilung nicht Schritt. Sage ich: "um drei", erwarte ich von meinen Lieben, dass sie zwanzig nach zwei gestellt sind. Davon erlange ich jedoch nur Kenntnis, weil mich die Meinen darauf hinweisen. Ich selbst blicke nicht einmal verschämt auf das Zifferblatt. Ich weiß auch so, dass ich meiner Zeit voraus bin.

Ich habe gerade den Christbaum entsorgt. Von mir aus können wir jetzt gerne die Eier färben. Auch habe ich mir während der Weihnachtsfeiertage ganz unmäßig einen Bauch angefressen. Ich wiege jetzt drei Kilo mehr; dementsprechend fühle ich mich um etwa acht Jahre älter, als ich in Wahrheit bin. Laut innerer Uhr müsste ich also auf einer Parkbank sitzen. Ich sollte Kindern, die noch in den unergründlichen Tiefen von Abrahams Wurstkessel schlummern, beim Spielen zuschauen. Der Wecker klingelt. Zeit, um endlich schlafen zu gehen. (RONDO, 15.1.2016)

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