Der Weg durchs tiefe Tal

Kommentar12. Jänner 2016, 18:23
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Der islamistische Terror zwingt Europa in ein Rad, aus dem es nicht herauskommt

Wenn an einem von Touristen frequentierten Ort in Istanbul Menschen, zudem mehrheitlich Ausländer, von einem Selbstmordattentäter in den Tod gerissen werden, dann geht das einem europäischen Publikum näher, als wenn am Vortag mehr als zehnmal so viele Iraker bei Attentaten sterben. Oder wenn in der vom syrischen Regime belagerten Stadt Madaya die Kinder verhungern. Das ist nicht gerecht, aber verständlich: Je näher die Einschläge kommen, desto realer fühlt sich die Gefahr an. Deshalb sind Anschläge wie jene von Paris Mitte November dazu angetan, tief in das Leben eines jeden Bewohners einer europäischen Hauptstadt einzugreifen. Man wird danach nicht mehr ganz der oder die Gleiche sein wie vorher.

Auch Statistiken, die das Risiko für den Einzelnen historisch relativieren, können da nicht beruhigen. Was die Gefahr, die von den heutigen Krisen ausgeht, so bedrückend macht, ist, dass die Brandherde fast alle zusammenzuhängen scheinen. Aus dem Rad, in das der islamistische Terror Europa zwingt, ist fast nicht mehr herauszukommen. Alle anderen Bedrohungen, auch wenn sie uns massiv schädigen oder gar umbringen können – von kleinen und großen Notständen bis zur globalen Umweltkatastrophe –, rücken in den Hintergrund.

Andere Gefahren werden in das große Schema gepresst, mehr, als sie vielleicht damit zu tun haben: etwa der Rechtsruck in manchen europäischen Ländern, dessen Gründe pauschal der Angst vor den Migrationsbewegungen zugeschoben werden. Und die – unleugbaren und leider völlig erwartbaren – Probleme mit Flüchtlingen und Migranten werden mit "kulturellen Unterschieden" erklärt, womit natürlich die Religion gemeint ist. Da kann man sich dann wirklich ordentlich fürchten, denn "Islam", im Kollektiv, das ergibt in der Tat eine ordentliche Masse.

Aber auch wenn man einzelne Aspekte der Angst einer Rationalitätsprüfung unterzieht, bleibt noch genügend übrig, um sich unwohl zu fühlen. Vielleicht am schlimmsten ist, dass man nicht weiß, wo auf dem Weg durchs tiefe Tal wir gerade halten. Dass Paris und Istanbul und alles, was dazwischen passiert ist, in ähnlicher oder anderer Form wiederkommen kann – und wird –, das weiß man hingegen. Aber die Erfahrung des Déjà-vu macht den Schrecken nicht kleiner, im Gegenteil.

Die multiplen Konflikte im Nahen Osten werden sich in der nächsten Zeit vielleicht verändern, aber noch lange nicht vorbei sein. Der "Islamische Staat" bedient sich verschiedener Arten der Kriegsführung, Terrorismus ist eine davon. Je mehr sich der Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak intensiviert, je mehr das Territorium, das sich der IS geschaffen hat, aufgelöst wird, desto stärker wird er andere Strategien wählen. Eine davon ist, andere nahöstliche oder nordafrikanische Staaten ins Chaos zu stürzen oder das bereits vorhandene auszunützen. Und wer will nach den Erfahrungen des Arabischen Frühlings schon sagen, wie stabil die Regime, die die erste Welle überlebt haben, wirklich sind?

Nach den Enttäuschungen im Irak und, jüngeren Datums, in Libyen, wo Interventionen erst recht die Büchse der Pandora geöffnet haben, hat der Westen in Syrien lange für Eindämmung optiert. Nachdem dieses Konzept zusammenbricht, startet ein diplomatischer Versuch – der erst einmal den Krieg anheizt. Bis zur Talsohle geht es noch weiter bergab. (Gudrun Harrer, 12.1.2016)

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