Energiepolitik: Eingefahrene Denkmuster aufbrechen

Userkommentar13. Jänner 2016, 10:33
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Die Ära der fossilen Energieträger geht zu Ende. Energieversorger wie die OMV brauchen klare politische Rahmenbedingungen. Eine Replik auf Gerhard Mangott und Johannes Pollak

Im STANDARD vom 4. Jänner fordern Gerhard Mangott und Johannes Pollak ("Ohne Russland gibt es keine Energiesicherheit") einen nüchternen Blick auf die Bedeutung von Russland für die zukünftige Energieversorgung in Europa. Sie verweisen auf die Notwendigkeit der Diversifizierung der Energieversorgung einerseits und andererseits auf den stabilisierenden Einfluss einer engen wirtschaftlichen Verflechtung mit Russland. Beides sind berechtigte und vernünftige Anliegen, die jedenfalls in Erwägung zu ziehen sind. Völlig ausgespart bleibt allerdings die Frage, wie Investitionen in eine fossile Energieversorgung sich mit den Ergebnissen des Klimagipfels in Paris im Dezember 2015 vertragen.

Ziel Dekarbonisierung

Zur Erinnerung: Vor wenigen Wochen wurde in Paris von 196 Staaten nichts weniger als das globale Ziel beschlossen, bis Mitte des Jahrhunderts aus der Nutzung fossiler Energie weitgehend auszusteigen. Wissenschaftlich ist mittlerweile schon vielfach belegt, dass eine Dekarbonisierung, also die Vermeidung der Verwendung fossiler Energieträger, nicht nur aus ökologischer und sozialer, sondern auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll ist. Und zwar, weil der Umbau des Energiesystems immer noch billiger ist als die Kosten der Klimaschäden, die durch einen ungebremsten Anstieg der Treibhausgasemissionen verursacht werden würden. Diese belaufen sich bis Mitte des Jahrhunderts auf vier bis acht Milliarden Euro – pro Jahr und allein für Österreich!

Vor diesem Hintergrund sind jegliche Investitionen in fossile Energieinfrastrukturen kritisch zu hinterfragen. Einerseits können dadurch Lock-in-Effekte ausgelöst werden: Das gilt insbesondere für Investitionen, die in diesem Fall die Energieversorgung auf einen bestimmten, nämlich fossilen Pfad festnageln, der mit den in Paris beschlossenen klimapolitischen Zielsetzungen nicht kompatibel ist. Andererseits besteht die Gefahr, dass die Infrastruktur als "Stranded Investment" (verlorene Investition) endet, wenn eine Nutzung nicht bis zum Ende der technischen Lebensdauer möglich ist. Beides ist volkswirtschaftlich nicht sinnvoll.

Dynamik am Markt

Der Markt hat diese Risiken bereits erkannt. Allein während der zwei Wochen der Klimakonferenz in Paris haben die fünf größten privaten Öl- und Gaskonzerne nach einer Meldung des "Spiegel" 75 Milliarden US-Dollar an Börsenwert verloren. Parallel dazu sind die Preise für fossile Energieträger so niedrig wie seit langem nicht. Ein Grund dafür ist neben der schwachen konjunkturellen Entwicklung vor allem in den Schwellenländern der rasante und in dieser Geschwindigkeit nicht vorhergesagte Ausbau erneuerbarer Energie. Weltweit wird inzwischen mehr in erneuerbare Energie investiert als in fossile und nukleare zusammengenommen. 59 Prozent der installierten Leistung aller im Jahr 2014 fertiggestellten Kraftwerke kommen aus dem Bereich der erneuerbaren Energie.

Auch das Thema Divestment, der Ausstieg aus fossilen Investments, gewinnt international immer mehr an Dynamik. Bereits knapp 500 institutionelle und tausende private Anleger, die gemeinsam ein Gesamtvolumen von 3,4 Billionen US-Dollar repräsentieren, haben sich bis jetzt dazu bekannt, sich aus Investitionen in fossile Energien zurückziehen zu wollen. Das sind 50-mal mehr als im Jahr davor.

Politische Rahmenbedingungen

Dies hat Implikationen für die europäische und die österreichische Energiepolitik. Wie lange können und wollen wir es uns noch leisten, die Entscheidungen von Paris in unseren konkreten energiepolitischen Maßnahmen zu ignorieren? Unternehmen, auch Energieversorger wie die OMV, brauchen klare politische Rahmenbedingungen. Hier sollte ein starkes Bekenntnis der Bundesregierung zu den Ergebnissen von Paris mit entsprechenden legislativen Maßnahmen folgen.

Das heißt aber nicht, dass jegliche Investition in fossile Energie mit dem Ziel der Dekarbonisierung in Widerspruch steht. Erdgas kann in den kommenden Jahrzehnten sehr wohl dafür eingesetzt werden, Kohle in der Stromerzeugung zu ersetzen, da Gas wesentlich klimafreundlicher als Kohle ist. Österreich wird das mit den angekündigten Schließungen der Kohlekraftwerke in Mellach und Dürnrohr in absehbarer Zeit vollziehen. Andere Länder wie Deutschland oder Polen verfeuern aber nach wie vor riesige Mengen an Kohle. Teile der Gasinfrastruktur können darüber hinaus in Zukunft in einer fossilfreien Welt genutzt werden, etwa für Methan aus Power-to-Gas-Anlagen.

... für kohlenstofffreies Energie- und Wirtschaftssystem

Gerade ein Land wie Österreich sollte seine Ressourcen und Expertise dafür einsetzen, ein kohlenstofffreies Energie- und Wirtschaftssystem zu entwickeln. Dies bedeutet auch erhebliche Investitionen, aber in eine nachhaltig wertbeständige Infrastruktur.

Ist dieser Anspruch utopisch? Keineswegs. In vielen Bereichen ist der Weg zu einer klimafreundlichen Zukunft bereits vorgezeichnet. Die größten Barrieren auf dem Weg dorthin sind weder technischer noch finanzieller Natur. Es sind viel eher eingefahrene Entscheidungs- und Denkmuster, die systemkonservierend wirken und aufgebrochen werden müssen. Riskieren wir's doch einfach! (Jürgen Schneider, 13.1.2016)

  • Die auf der Pariser Uno-Konferenz beschlossene Dekarbonisierung, also die Vermeidung der Verwendung fossiler Energieträger, ist nicht nur aus ökologischer und sozialer, sondern auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll.
    foto: ap/francois mori

    Die auf der Pariser Uno-Konferenz beschlossene Dekarbonisierung, also die Vermeidung der Verwendung fossiler Energieträger, ist nicht nur aus ökologischer und sozialer, sondern auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll.

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