"Creed": Ein Erbe mit Fäusten verwalten

12. Jänner 2016, 17:20
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Sylvester Stallone, frisch gekürter Golden-Globe-Gewinner, steigt in "Creed" zwar nicht mehr als Rocky in den Ring, greift aber als Trainer auf alte Erfahrungen zurück. Ein Boxerfilm mit guter Dosis Nostalgie

Wien – Sylvester Stallone und Rocky Balboa, das ist eine Beziehung, die nun bereits 40 Jahre hält. Es ist nicht nur Stallones erfolgreichstes Franchise – ja, 1976 konnte man ein solches noch allein aus der Taufe heben, zumindest wenn man hartnäckig Burt Reynolds als Besetzung ausschlug -, Rocky ist auch ein Alter Ego des Schauspielers geworden, mit dem er nicht nur Steherqualitäten teilt. Als er am Sonntag mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, bedankte er sich, last, but not least, auch bei ihm, "dem besten Freund, den ich je hatte".

Eine solche, gar nicht uncharmante, Dosis Sentimentalität kennzeichnet auch Creed. Rocky ist zwar nicht länger die Hauptfigur, aber ohne die Legende des italienischen Hengstes würde dem Film um den jungen Boxer Adonis (Michael B. Jordan) das Gegenüber fehlen. Mehr als um anderes geht es in Ryan Cooglers mittlerweile siebentem Folgefilm der Saga um die Frage des Erbes und darum, wie man sich von einem solchen emanzipiert. Denn Adonis ist nicht irgendein Boxer, sondern der Sohn von Apollo Creed, Rockys berühmtem Antagonisten in den Stars-and-Stripes-Shorts aus den ersten beiden Teilen. Vom inzwischen zurückgezogen lebenden Gastwirt, der seiner verstorbenen Frau auf dem Friedhof aus der Zeitung vorliest, will er sich zum Champion ausbilden lassen.

Abweichung vom gängigen Narrativ

Der von Apollos Exfrau in Reichtum aufgezogene Jungspund versucht damit zu zeigen, dass er mehr als nur der Sohn eines berühmten Vaters ist. Creed weicht darin vom gängigen Boxerfilmnarrativ ab. Adonis, dem die harten Jungs in den Gyms Philadelphias den ironischen Beinamen Hollywood geben, muss sich nicht von der Gasse auf das Podest hochkämpfen, sondern sich im Milieu erst Glaubwürdigkeit verschaffen. Das Image des Sprosses, dem alles in den Schoß fiel, wirft man nicht so leicht wie Handschuhe ab.

In "Onkel" Rocky hat er jedoch den besten Lehrer, er ist ganz Old School, ein Mythos mit alten Routinen. Reaktionsschnelligkeit lehrt er mit der Jagd nach Hühnern, und neben viel Training hält er für seinen Schüler auch Karrieretipps bereit. Nur wenn Adonis von der Cloud seines Handys spricht, schaut Rocky verdutzt in den Himmel: "Welche Cloud?"

warner bros. pictures

Kämpfe im Ring und im Leben

Ähnlich bodenständig und schablonenhaft geht Ryan Coogler an die Konflikte heran, die sich aus diesem fast familiären Verhältnis ergeben. Das nimmt man dieser Art von Film aber nicht wirklich übel. Hier werden kleine Abweichungen, ein Verhältnis von Adonis mit einer benachbarten Sängerin (Tessa Thompson), mit vertrautem Genrematerial kombiniert. Der raue Charme Philadelphias passt, und wichtig ist, dass das Boxen selbst immer analog zu den Kämpfen des Lebens verläuft. Als Rocky erkrankt und Stallone dem Film noch mit heiserer Stimme einen kräftigen Schuss Pathos einflößt, bewahrheitet sich dieses Prinzip einmal mehr.

Am besten bekommt die sanfte Überarbeitung von Bewährtem eigentlich der Soundtrack des Schweden Ludwig Göransson hin. Das alte Motiv von Rocky klingt in hundert Varianten an, wird dann aber nie groß ausgespielt. (Dominik Kamalzadeh, 12.1.2016)

Ab Freitag im Kino

  • Wer im Ring siegen will, muss zuerst gegen sich selbst gewinnen: Rocky (Sylvester Stallone) hält für seinen Novizen Adonis in "Creed" allerlei Wissenswertes für Beruf und Leben parat.
    foto: warner

    Wer im Ring siegen will, muss zuerst gegen sich selbst gewinnen: Rocky (Sylvester Stallone) hält für seinen Novizen Adonis in "Creed" allerlei Wissenswertes für Beruf und Leben parat.

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