Johannes Kalitzke: "Schockeffekt lässt sich nicht reproduzieren"

Interview13. Jänner 2016, 13:37
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Die "Dreigroschenoper" zählt zu den erfolgreichsten Bühnenwerken des 20. Jahrhunderts. Anlässlich einer Neuinszenierung ein Gespräch mit deren musikalischem Leiter

STANDARD: Sie sind als Dirigent und Komponist gegenwartsorientiert. Was war denn 1928 das unerhört Neue an der "Dreigroschenoper"?

Kalitzke: Die Annäherung der Kunstmusik an die Halbwelt – etwas, das wir heute gar nicht mehr so empfinden, weil wir die damaligen Elemente der Unterhaltungsmusik nicht mehr als solche wahrnehmen und Kurt Weill weniger eine Anbiederung ans Ordinäre unterstellen als eine Kunst des Parodistischen. Dass das, was 1928 skandalös und neu war, heute anders gehört wird, dem muss man Rechnung tragen.

STANDARD: Im Widerspruch zum Titel ist das Stück ein Schauspiel mit Musik. Welche Konsequenzen hat das für die, die hier singen?

Kalitzke: Man hat das Stück ja immer sehr verschieden besetzt: einmal mit Schauspielern, dann mit echten Opernsängern. Ich bin heilfroh, dass wir Tobias Moretti für den Mackie Messer haben, der auf sensationelle Weise innerhalb weniger Monate singen gelernt hat. Ansonsten hatten wir Sänger, die sich – von der anderen Seite – ans Sprechen annähern mussten. Bei jenen Stellen, wo Weill echte Opernparodien schreibt, darf man das Klischee des Operngesangs bedienen – ansonsten muss man das vermeiden. Für mich war es die Hauptarbeit, eine Stimmkultur zu schaffen, die einheitlich ist.

STANDARD: Ist es bei Weill nicht manchmal schwer zu unterscheiden, was er bei seiner Fusion der verschiedenen Stile ironisch meint und was nicht – etwa beim Choral?

Kalitzke: Den Choral, der ja beinahe von Bach sein könnte, schätze ich deswegen sehr, weil er einen extremen Widerspruch zwischen Inhalt und Form darstellt. Was gesungen wird, ist das genaue Gegenteil. Der Choral klingt so, wie er in der Kirche zu sein hat; dagegen steht aber ein Text, der auf eine unglaublich sarkastische Weise das Revolutionäre als Ganzes hinterfragt. Das wird übrigens in der Inszenierung sehr gut gezeigt, indem Keith Warner genau jene kommerzielle, kapitalistische Domäne auf die Bühne bringt, die im Text angeprangert wird. Das passt zum Choral, der ganz bewusst gegen den Text gesetzt ist und auch so gelesen werden muss. Das ist kein feierlicher, sondern ein vergifteter Abschluss.

STANDARD: Sowohl Brecht als auch Weill zeichnet es aus, dass sie Banales und Artifizielles miteinander verbinden. Theodor W. Adorno hat von "Depraviertheit" gesprochen, dass verbrauchte Elemente brüchig daherkommen – und besonders musikalisch hört man das, durch einen faszinierenden Ton ...

Kalitzke: Das ist genau der Punkt. Es ist nicht so, dass es da nur um eine Entwertung geht. Dass etwas entfremdet oder entwertet ist, schafft gleichzeitig etwas Neues von eigenem ästhetischem Wert. Das Schönheitspotenzial wird dadurch nicht herabgesetzt, sondern es ergibt sich eine neue Schönheit.

STANDARD: Das lässt sich aber erst im Nachhinein erkennen.

Kalitzke: Ja, der sensationelle Schockeffekt, den die Dreigroschenoper bei ihrer Uraufführung gehabt haben mag, lässt sich nicht mehr reproduzieren. Man kann mit ihr heute niemanden mehr erschrecken oder vor den Kopf stoßen. Also fokussiert man auf die nostalgische Seite, weil die Welt der 1920er-Jahre in der Klanglichkeit wiederauftaucht. Auch eine Inszenierung, die nur das zeigt, was im Text steht, würde sich lächerlich machen. Man muss eigentlich die ganze Rezeptionsgeschichte und die Zeit zwischen 1928 und heute mit einrechnen.

STANDARD: Was schätzen Sie aus der Warte des Komponisten am meisten an Weill?

Kalitzke: Die Ökonomie: Wie er mit so wenigen Instrumenten einen solchen klanglichen Reichtum herstellt. Es ist erstaunlich, wie wenig er für so eine Rundheit braucht. Die Musik ist auf das Mindeste reduziert und klingt trotzdem voll. Das ist unglaublich faszinierend.

STANDARD: Gibt es etwas in Weills Welt, das Sie selbst in Ihrer Arbeit fortführen?

Kalitzke: Die Kombination von Trivialität und Poetik ist für mich ein Dauerthema. Ein Cellokonzert beispielsweise, das ich gerade zu schreiben habe, beruht auf einem Format der Modefotografie, wo ein Märchenwald inszeniert und ein kommerzielles Exponat ganz an den Rand gerückt wird: Das Triviale, um das es geht, wird in einen mythischen Raum gestellt. Es gibt ja seit dem frühen 20. Jahrhundert auch in der Literatur sehr viele Vorbilder, wo Trivialität und Mythologie einander überlagern. Die Spiegelungen von Banalität und Tiefenpsychologie sind seither ein großes Thema. So etwas finden Sie auch bei Brecht und Weill – wenn Sprache und Musik manchmal aus dem Vulgären heraus plötzlich etwas ganz Allgemeingültiges entwickeln und dabei bezaubernd schön sind (Daniel Ender, 13.1.2016)

Johannes Kalitzke (geb. 1959) ist ein international gefragter Dirigent und Komponist. Seine vierte Oper "Die Besessenen" wurde 2010 im Theater an der Wien uraufgeführt. 2012 dirigierte der gebürtige Kölner die Uraufführung der "American Lulu" an der Komischen Oper Berlin. Er lebt in Köln und Wien.

  • Lieber singende Schauspieler oder schauspielende Sänger? Keine unwichtige Frage beim Inszenieren der "Dreigroschenoper". Im Theater an der Wien gibt jedenfalls Tobias Moretti den Mackie Messer.
    foto: monika rittershaus

    Lieber singende Schauspieler oder schauspielende Sänger? Keine unwichtige Frage beim Inszenieren der "Dreigroschenoper". Im Theater an der Wien gibt jedenfalls Tobias Moretti den Mackie Messer.

  • Dirigent und Komponist: Johannes Kalitzke.
    foto: monika rittershaus

    Dirigent und Komponist: Johannes Kalitzke.

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