Uhr, Tischbock, Schüssel: Besuch bei Designer Mark Braun

14. Jänner 2016, 17:00
29 Postings

Der Berliner Produktdesigner verbindet auf zauberhafte Weise Tradition mit einer jungen Seele. Was dabei herauskommt, ist so fesch wie schlicht

Grauer Himmel, graues Licht. Eine Katze, die sich auf aufgeplatztem Beton hin und her wälzt – Winterstimmung in Berlin. Das alte Fabriksgebäude an der Mengerzeile, wo Anfang des 20. Jahrhunderts Klaviere gebaut, in der DDR Amiga-Schallplatten produziert wurden und wo heute Künstler arbeiten, ragt hoch in dieses Grau. Es ist still hier im Dreieck zwischen den Bezirken Treptow, Neukölln und Kreuzberg. Ein guter Ort, um abseits des hauptstädtischen Lärms, Wildheit und Verliebtheit nach dem Reduzierten, nach dem Einfachen und nach dem Aufgeräumten zu suchen. Mark Braun – blaue Jeans, braune Lederschuhe, kurze blonde Haare und Bart – ist so ein Suchender. Und wer sucht, der findet.

foto: nomos glashütte / sebastian asmus
Mark Braun

2006 eröffnete der 40-Jährige sein Design-Studio. Bekannt wurde er in den gut zehn Jahren für seine klare, leise anmutende und harmonische Formensprache, in der er Vasen, Möbelstücke, Geschirr oder Lampen für namhafte Firmen wie Authentics, e15, Lobmeyr, minimum oder Northern Lighting entworfen hat. Unmengen von Preisen hat er bereits abgeräumt. Zuletzt den German Design Award 2016 für einen schlanken, schicken Tischbock, der einem Fahrradrahmen ähnelt. Das Stück hat Braun für Thonet kreiert.

"Doch auch formal macht dieses Möbel Spaß", urteilten die Jury-Mitglieder Oliver Grabes und Sebastian Herkner, beides renommierte Kollegen von Braun. "Denn es zitiert auf ironische Weise das Konzept eines klassischen Fahrradrahmens mit Lenker- und Sattelstange ... eine schöne, konsequent umgesetzte Idee, die trotz figürlicher Anmutung extrem funktional ist", heißt es in der Jurybegründung weiter.

Award für Armbanduhr-Entwurf

Bereits 2015 hatte Braun den German Design Award erhalten – für die erste Armbanduhr, die er für Nomos Glashütte entworfen hat: die Metro, ein zeitloses, schnörkelloses Design-Stück. Die Uhr steht fast exemplarisch für die ästhetische Geste, die Braun bevorzugt. Eine, in der sich eine schwebende Leichtigkeit, eine reduzierte Schlichtheit und die archetypische Form zu einer ausdrucksstarken Design-Sprache vermengen. Eine Sprache, die bei aller Jugendlichkeit und Modernität und ihrer gleichzeitigen Verortung in der Tradition doch immer verständlich und somit vertraut bleibt.

foto: holger wens
Metro, entworfen für Nomos.

"Mein Design orientiert sich weniger an Trends und der kurzweiligen Steigerung von Konsum, als vielmehr an der Reflexion von gesellschaftlichen Themen und Problemstellungen einerseits und der puren Schönheit von in Form und Funktion gebrachtem Material andererseits," hat Braun seine Herangehensweise einmal erklärt. In fast allen Braun-Stücken lassen sich dabei Reminiszenzen an das skandinavische Design finden – was kein Zufall ist.

Braun ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber sein Vater ist Schwede. Und seine Großeltern – beide waren Architekten – sind dafür verantwortlich, dass das skandinavische Design schon in Brauns jungen Jahren zu seiner Lebenswelt gehörte. "Namen wie Alvar Aalto oder Arne Jacobsen waren mir schon früh ein Begriff", erzählt Braun, "aber auf eine ganz natürliche Weise und nicht mit so einer Belehrungshaltung. Als Kind nimmt man das dann sicher viel leichter auf."

foto: andrea schimanski
In zweierlei Höhen gibt es den Sessel "Hama" aus Stahlrohr und Stahlblech. Eine Reise in den Orient inspirierte Mark Braun zu diesem Möbelstück.

Kleinteiliges Handwerk

Braun öffnet die Tür zu seiner Werkstatt. Es geht durch einen kurzen, hell erleuchteten Flur in den Werkraum, wo Hobel- und Töpfermaschinen stehen, Werkbänke, Werkzeugen an den Wänden hängen, sich auf den Regalen Farbtöpfe und Modelle älterer Porzellan-Arbeiten sammeln. Der Betonboden ist übersät mit Farbflecken. Gestalten ist eben nicht nur komplexe Denkarbeit, sondern auch kleinteiliges Handwerk. "Wenn man nur am Computer sitzt", sagt Braun, "läuft man Gefahr, mögliche technische oder funktionale Unzulänglichkeiten zu übersehen."

Man merkt: Braun, der vor seinem Design-Studium in Potsdam, Halle und Eindhoven das Handwerk des Tischlers erlernt hat, ist so ein Design-Werker, der bei aller Ästhetik, Figürlichkeit oder Materialspielerei die Funktionalität des Produkts, die handwerkliche Klasse und die Wahl der Materialien, ihrer Beschaffenheit und ihrer Verarbeitungsmöglichkeiten nie aus den Augen lässt.

Ein besonders feines Stück ist Braun beispielsweise auch mit der skulpturalen Obstschale "Turn" gelungen, die er für e15 entworfen hat. Die Schale besteht aus einem runden Holzstück, in dessen Mitte sich ein Loch befindet und das so gearbeitet ist, dass die fein gemaserte Holzfläche in Richtung Loch abfällt. Trotz der breiten Kante und der Massigkeit, die das Holz evoziert, bewirkt die imitierte Fliehbewegung eine gewisse Leichtigkeit.

foto: e15
Der Formenkosmos des Mark Braun: Küchenutensilien, darunter die hölzerne Obstschale "Turn" für e15.

Kein Bulldozer

Braun nimmt das blaue Schaumstoff-Modell eines Sofas in die Hand, an dem er gerade arbeitet. "Das soll ein Schlafsofa werden", sagt er und zeigt auf die ausklappbare Sitzfläche. "Das wirkt im Vergleich zu den Proportionen der Seitenteile und der Rückenlehne noch sehr massig. Auch über den passenden Bezug und die Nähte müssen wir uns noch Gedanken machen."

Es ist das Experiment, das Spiel mit dem Material, der Idee und der Form, das Braun zu seinen unverwechselbaren Stücken führt. Dass die Arbeiten in Kommunikation mit den Auftraggebern entstehen, liegt ihm besonders am Herzen. "Mir ist wichtig, dass man auf Augenhöhe an derselben Idee zusammenarbeitet", sagt er. "Ich habe zwar hinsichtlich des Designs meine Haltung. Aber ich bin kein Bulldozer, der in der Überzeugungsarbeit alles plattwalzt. Gerade in der Kommunikation miteinander entstehen weitere befruchtende Ideen, die das Produkt reifen lassen."

Designer seien ja keine brutalen Selbstverwirklicher, sondern eben auch Dienstleister. "Ich bin ein Zeichensetzer und Ordner und keiner, der Dinge erfindet", sagt Braun, der Design auch an verschiedenen Hochschulen unterrichtet. "Deswegen ist es umso wichtiger, sich in der Arbeit mit anderen Professionen auszutauschen." Bei dem Tischbock für Thonet beispielsweise sei die Kooperation besonders gut gelaufen, erzählt er. "In der ursprünglichen Idee fehlte noch der Fahrradlenker, der nun für die herausragende Stabilität der Tischplatte sorgt.

foto: magdalena lepka
Tischböcke für Thonet.

Als wir die erste Idee im Unternehmen vorstellten, wurde sie eben vom Inhouse-Produktentwickler dafür kritisiert, dass der Bock zu wenig Stabilität habe. So wurden wir dazu gezwungen, eine passende Lösung zu finden." Der Fahrradlenker sei als Zeichen zwar sehr markant, was sich aber wieder relativiere, wenn man die Tischplatte auflege. "Denn dann verschwindet er unter der Platte." Im Gesamtbild erhält der Bock, der mit seiner fahrradähnlichen Form den Betrachter an Mobilität und Dynamik denken lässt, somit wieder etwas Schwebendes, etwas Leichtes, was dem- jenigen hilft, der an dem Bock schwere Denkarbeit ver-richtet.

Es ist unübersehbar, dass Braun das subversive Spiel mit solchen Assoziationen und Zeichen liebt. Denn letzten Endes ist es ein Spiel, mit dem über ein gelungenes Design-Produkt Identitäten manifestiert oder verändert werden können. "Form follows identity", sagt Braun häufig, um einen Teil seiner Design-Haltung zu beschreiben. Identität – das Schlüsselwort für ein Design-Produkt, das nicht nur als Staubfänger herhält, sondern wirklich funktioniert.

So verlässt man das alte Fabrikgebäude an diesem grauen Wintertag in dieser stillen Ecke von Berlin – mit dem Gefühl einer wohltuenden Aufgeräumtheit. (Ingo Petz, RONDO, 15.1.2016)

foto: nomos glashütte / sebastian asmus
Der Designer Mark Braun in seinem Berliner Studio.
Share if you care.