Serienheldinnen geben sich leger mit Jeans und Umhängetasche

23. Jänner 2016, 14:48
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Der Konsumrausch von "Sex and the City" war gestern: Aktuelle Serienheldinnen müssen die Welt retten und haben keine Zeit für solch unwichtige Dinge wie Shoppen

Die Aufregung war groß, als Marvel-Comicfigur Jessica Jones in der gleichnamigen Netflix-Verfilmung die Bühne betrat. "Waschen Superhelden eigentlich auch ihre Kleidung?" war noch die netteste Frage, die über diese TV-Serie auf Twitter diskutiert wurde. "Es macht mich verrückt, dass sie nur ein Paar Jeans besitzt", schrieb eine empörte Userin. "Wenn das so weitergeht, kann ich nicht weiterschauen."

Seit "Sex and the City" wurde nicht mehr so heiß über Kleidung diskutiert. Jessica Jones hat ihr fehlendes Superheldinnen-Kostüm durch einen ikonografischen Alltagslook ersetzt, über den Carrie Bradshaw nur verächtlich die Nase gerümpft hätte.

Jessica Jones im Grunge-Outfit.

Dieselben Jeans

Krysten Ritter spielt eine Heldin, deren Karriere gescheitert ist: Sie ist unfassbar stark, aber traumatisiert. Alkohol hilft ihr zu vergessen, dass sie in den Fängen eines Psychopathen war, der Menschen seinen Willen aufzwingen kann. Seitdem driftet sie als kaputte Privatdetektivin, eine Figur, die man in der männlichen Version aus dem Film-noir-Genre kennt, durch ihren tristen Alltag. Zu Klienten ist sie schroff, und ihre Kleidungsvorlieben sind der Albtraum jedes Kostümausstatters und Sauberkeitsfanatikers: Sie hat tatsächlich die gesamte Staffel über dieselben zerrissenen Jeans an, bloß am Ende holt sie eine dunklere Variante heraus. Dazu trägt sie am liebsten Bikerboots, Tanktops und eine schon etwas schmierige Lederjacke.

Also eigentlich ein Grunge-Outfit aus den 1990er-Jahren, das gerade ohnehin ziemlich angesagt ist. Billig ist der Originallook auf jeden Fall nicht: Die "ripped" Jeans sind vom Label Citizens of Humanity und kosten rund 240 Euro, die Jacke ist vom schwedischen Kultlabel Acne Studios (das Modell "Mock" ist für 1300 Euro zu haben). Die Jacke wurde für die Serie mit Sand und Alkohol bearbeitet, damit sie den nötigen abgewetzten Touch bekommt. Die Kostümbildnerin der Serie, Stephanie Maslansky, sagt über den Doesn't-give-a-shit-Look der Hauptdarstellerin, Jones würde insgesamt drei Jeans der gleichen Marke besitzen, die sie abwechselnd trägt: "Je nachdem, welche der drei gerade am saubersten ist."

Verschlissene Kleidung

Es gehört zum ungeschriebenen Gesetz von Actionfilmen, dass Kleidung und Körper gleichermaßen verschlissen werden. Wenn man die Welt retten muss, kann es schon vorkommen, dass man das gleiche, mit Blut beschmierte Shirt länger als 24 Stunden tragen muss. Mitunter sieht es ohnehin schon nach einem Tag aus, als ob es monatelang getragen worden wäre, wie die Bruce-Willis-Materialverschleißorgie "Stirb langsam" beweist. Oder Götz George, der als "Tatort"-Kommissar mit seiner legendär verschmuddelten Feldjacke M-65 Fernsehgeschichte schrieb.

Nur ein geschundener Körper und abgewetzte Kleidung sind glaubwürdig, wenn es um nichts Geringeres geht, als eine Stadt oder gar die gesamte Menschheit zu beschützen. Mode wird in diesem Kontext gern als Negativmatrix verwendet. Die Guten haben zumindest im klassischen Actiongenre keine Zeit für Fashion, nur die Bösen, sicher nicht weniger ausgelastet, frönen der Extravaganz.

Sogar James Bond, um einen weiteren, durchaus modebewussten Helden zu nennen, ist stilvoll gekleidet, aber seine Widersacher sind exzentrischer. Das ist eine im Grunde recht protestantische Haltung: Mode wird mit Dekadenz gleichgesetzt. Der Gegenspieler von Jessica Jones hat den klingenden Namen Kilgrave, trägt lilafarbene Anzüge und kultiviert seinen britischen Akzent. Er macht sich über den nicht vorhandenen Kleidungsstil von Jones lustig.

Anti-Fashion-Statement

foto: david bloomer/showtime via ap
Claire Danes als Carrie Mathison in "Homeland": Grau und blau...

Und dann ist da natürlich noch Claire Danes als CIA-Analystin Carrie Mathison aus "Homeland". Sie ist ein lebendes Anti-Fashion-Statement, mehr Normcore geht nicht. In mittlerweile fünf Staffeln ermittelt sie in diversen Krisenregionen der Welt und ist vor allem in den CIA-Büros dermaßen unauffällig angezogen, dass man verzweifeln könnte. Die "Vogue" stellte 2013 einige Szenen aus der beliebten Serie nach und steckte die Hauptdarstellerin für Fotos in Burberry und andere schicke Labels. Das wirkte glamourös, fühlte sich aber falsch an.

Katina Le Kerr, die Designerin der Serie, hat sich für ihre dezenten Kostüme einen Oscar für Zurückhaltung verdient. Mausgrau, Schwarz und Blau dominieren, Carries Businessanzüge sind immer eine Spur zu eng und sehen so billig aus, dass man fast meint, das Polyester durch den Bildschirm knistern zu hören. Ihre Umhängetasche trägt sie immer quer über die Schulter, uneleganter geht es nicht.

foto: ap/smith
...im billig wirkenden Businessanzug mit der Tasche über der Schulter.

Modemagazine wie "Glamour" machten bereits Outfit-Vorschläge, um Carrie von ihrer "altbackenen Hosenanzug-Sucht" zu befreien. Aber natürlich ist gerade dieser Anti-Look genial, das zeigt sich wieder in der aktuellen Staffel. Ihre Kollegin Allison Carr arbeitet undercover für den russischen Geheimdienst. Sie ist die gefährliche Rothaarige, die ihre sexuelle Attraktivität offensiv als Waffe einsetzt.

Natürlich ist sie markenbewusst gekleidet. Um Stress abzubauen, shoppt sie online eine teure Designertasche. Die Welt der Serien ist meist simpel gestrickt: Die Bösen sind besser gekleidet als die Guten. Traue keinem mit teuren Schuhen und wertvollen Accessoires. Zum Glück ist das im echten Leben ein wenig komplexer! (Karin Cerny, RONDO, 23.1.2016)

  • Krysten Ritter trägt in der Serie "Jessica Jones" am liebsten Lederjacke und zerrissene Jeans von Acne und Citizens of Humanity.
    foto: hersteller

    Krysten Ritter trägt in der Serie "Jessica Jones" am liebsten Lederjacke und zerrissene Jeans von Acne und Citizens of Humanity.

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