"Atmen": Der Nachkomme als Lebensgefahr

12. Jänner 2016, 16:16
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Ein Kind haben? "Atmen" im Theater Drachengasse stellt fundamentale Zweifel vor

Wien – Auf der leeren, keilförmig in den Raum getriebenen Bühne ein Bobo-Pärchen in der Mitte seiner fruchtbaren Jahre. Aufgeregt streifen die beiden herum, immer in verschiedene Ecken, einander aus dem Weg. So schwarz-weiß wie ihre Kostüme ist die Welt zwar keineswegs. Aber man kann sie dazu machen: Ist man ein guter Mensch oder nicht? Grund für die Selbstbefragung ist ein erschreckender Gedanke: Sollen wir ein Baby haben? Der kommt ihm ausgerechnet bei Ikea. "Ein Baby?!", entfährt es ihr schrill.

Früher war Kinderkriegen leichter. Damals sicherte ein Nachkomme noch das Überleben der Art. Heute zerstört er es: die Windeln, die H&M-Babypullover aus Nigeria, die Kindeskinder! Da kann der ökologische Fußabdruck kaum anders als explodieren. Wer die Welt liebt, pflanzt sich also lieber nicht fort. Oder bringt sich am besten selbst um. Aber andererseits ist man doch eh so genügsam, umsichtig, gebildet, trennt den Müll und dreht das Wasser ab.

Das Private ist politisch

Atmen heißt das Stück von Duncan Macmillan, das am Montagabend im Theater Drachengasse Premiere feierte. Gesellschaftliche Themen, die er auf das Persönliche herunterbricht: Dafür kennt man den jungen Briten inzwischen. Das Heute will er auf die Bühne bringen, das Private ist in seinen Stücken dabei stets politisch. Und das Komische auch tragisch. "Komplexität" interessiere ihn, und alles sei eigentlich immer noch ein bisschen komplizierter.

Da kann einem schon einmal die Luft wegbleiben, der Atem stocken. Aber kann man sich für alles verantwortlich fühlen? In Anbetracht der sich vermeintlich formierenden Zukunft kommt jetzt einiges aufs Tapet, zuallererst aber braucht er (Astrit Alihajdaraj) einen richtigen Job, beschließt sie (Paola Aguilera). Die Dinge nehmen ihren Lauf. Wir folgen ihm in nur 75 Minuten durch Jahre und Jahrzehnte. Liebe, Zweifel, Schmerz, ein einziges Auf und Ab.

Klar und schnörkellos wie die Bühne (Alexandra Burgstaller) ist auch die Inszenierung von Christine Wipplinger. Keine technischen Effekte, bloß zwei Menschen, die reden, schreien, lachen, schwer atmen nach dem Beischlaf hinterm Gebüsch. Stichwörter werden (manchmal vielleicht etwas zu) rasant abgespult, die Dialoge wie aus der Pistole geschossen. Am Ende passiert, was passieren soll. Dann, wenn die Gutmenschen-Bedenken fallen. Das Publikum applaudierte stürmisch. (Michael Wurmitzer, 12.1.2016)

  • Astrit Alihajdaraj und Paola Aguilera (vorne), geplagt von Gefühlen.
    foto: andreas friess

    Astrit Alihajdaraj und Paola Aguilera (vorne), geplagt von Gefühlen.

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