Balzanpreis: "Gott hat keine Pudel geschaffen, wir waren es!"

Interview16. Jänner 2016, 09:00
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Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr untersucht wirtschafts- und kulturgeschichtliche Grundlagen, die die Entwicklung von Technologie möglich machten

STANDARD: Was können wir aus Ihrer Arbeit für die Gegenwart lernen?

Mokyr: Menschen sind offenbar zu grenzenlosem technologischem Einfallsreichtum fähig und können als Kollektiv eine unglaubliche Menge an Wissen besitzen. Immer wieder tun sich neue Horizonte auf, ähnlich einem Bergsteiger, der einen Gipfel erklimmt und von dort neue, noch höhere Berge sieht. Das ist es, was die Geschichte des Wissens der Menschheit in den letzten 300 Jahren gezeigt hat. Deshalb werden wir als Spezies immer dominanter. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass mit steigender Macht über die Natur Dinge schiefgehen. Technologie bringt etwas mit sich, was man "bite-back" nennen kann. Man verbrennt viel Kohle und entdeckt dann, dass man CO2 in die Atmosphäre entlässt, mit unvorhergesehenen Effekten.

STANDARD: Jede Lösung schafft also neue Probleme?

Mokyr: Im 19. Jahrhundert entdeckten die Europäer zum Beispiel, dass man Zucker nicht aus der Karibik importieren muss, sondern selbst aus Zuckerrüben herstellen kann. Plötzlich verfiel der Preis, jeder hatte Zugang. Dann kam etwas Überraschendes: Zucker macht die Zähne kaputt. Jahrzehnte später entdeckte man, dass man die Zähne mit Fluorid schützen kann. Heute sind Trinkwasser oder Lebensmittel in vielen Ländern mit Fluorid versetzt. Dann offenbarte sich, dass die Zuckerversorgung fett macht und die Menschen an Diabetes erkranken. Jedes Mal, wenn man etwas Neues entwickelt, schlägt die Natur zurück. Das heißt, dass man laufen muss, um seine Position zu behaupten. Man muss weiter Erfindungen machen, sonst fällt man zurück. Keine Lösung ist jemals endgültig.

STANDARD: Zwischen den Bergen sind Täler. Befinden wir uns gerade im Anstieg auf einen Gipfel, oder geht's bergab?

Mokyr: Wir sind nicht in einem Tal. Wir erklimmen eine Menge an Bergen, deren Gipfel aber noch in den Wolken stecken. Wir befinden uns zum Beispiel in der Robotik dort, wo wir bei Computern in den 1960er-Jahren waren. Damals wussten wir, dass wir Computer haben würden, aber nicht genau, was wir damit tun würden. Auch in der Robotik fangen die Menschen jetzt an, das Potenzial zu erkennen, wissen aber noch nicht genau, in welche Richtung es geht. Roboter werden alle möglichen Formen annehmen und Menschen auf Arten helfen, die wir uns heute noch kaum vorstellen können. Nanoskopische Roboter, die wir in den Körper injizieren und die Krebszellen angreifen – wer weiß? Das ist ein Bereich, in dem wir gerade an der Oberfläche kratzen. Ein anderer ist – und das wird mich in Europa nicht populär machen – die Gentechnik.

STANDARD: Warum brauchen wir sie?

Mokyr: Wir beschäftigen uns seit Anbeginn der Menschheit damit. Die Pferde, die wir haben, sind keine natürlichen Pferde. Sie entstanden durch menschliche Einflussnahme. Gott hat keine Pudel geschaffen, wir waren es! Die Zuchtmethoden sind aber sehr langsame und grobe Werkzeuge. Durch genetische Modifikationen können wir das viel schneller und genauer machen. Wir können Pflanzen und Tiere designen, die bestimmte Spezifikationen erfüllen. Das wird entscheidend sein, weil sich das Klima der Erde verändert. Die Opfer werden weniger die Menschen, sondern Pflanzen und Tiere sein: Getreide, Fische, Säugetiere, Pinguine. Es scheint nicht möglich zu sein, den Klimawandel rückgängig zu machen. Die einzige Lösung ist also, die Art zu verändern, wie sich lebende Wesen an den Klimawandel adaptieren. Genetische Modifikation ist meiner Meinung nach der vielversprechendste Weg dafür. Gentechnik ist ein Weg der Zukunft, ob die Europäer das mögen oder nicht. Wenn die Forschung nicht in Europa gemacht wird, dann eben in den USA oder anderswo. Jemand wird es machen, und die Welt wird davon profitieren.

STANDARD: Forschung muss heute im Rahmen der Wirtschaft funktionieren. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Innovation und Wirtschaftswachstum?

Mokyr: Ganz klar ist Innovation eine Kraft, die in Richtung Wirtschaftswachstum drängt. Man kann dieselben Produkte mit weniger Input schaffen. Dazu kommen neue Produkte, die davor nicht existiert haben. Das Smartphone gab es vor zehn Jahren nicht. Das ist auch Wirtschaftswachstum, die üblichen Messverfahren tun sich aber schwer damit. Die Produkte werden zudem laufend besser. Das Auto ist heute viel komfortabler und sicherer als in meiner Studentenzeit. Auch diese Qualitätsverbesserungen sollten Teil des Wirtschaftswachstums sein. Unsere Standardmessverfahren unterschätzen systematisch diesen Einfluss von Innovation auf unsere Lebensqualität. Mein Lieblingsbeispiel ist die Anästhesie, die ab den 1860ern verbreitet war. Niemand würde leugnen, dass das eine riesige Verbesserung der Lebensqualität ist. Es ist aber nicht einmal ein Zacken in einer volkswirtschaftlichen Statistik. Sie taucht nicht als Wirtschaftswachstum auf. Ähnlich ist es bei Antibiotika und vielen weiteren Dingen. Der Rückgang des Wachstums, den wir jetzt sehen, beruht meiner Ansicht nach vor allem auf einer Fehlmessung.

STANDARD: Wachstum muss also anders gemessen werden?

Mokyr: Der Output der Wirtschaft – das, was wir mit dem Wirtschaftswachstum messen – beinhaltet zum Beispiel nicht die Freizeit. Wenn jeder zwei Stunden weniger arbeitet, um Opern zu hören oder Videogames zu spielen, ist das für mich eine Art von Wirtschaftswachstum. Freizeit ist ein wertvolles Gut. Eine Wirtschaft kann wachsen, ohne dass sie notwendigerweise mehr Waren produziert. In Zukunft werden viele Menschen noch viel weniger arbeiten. Das passiert schon jetzt.

STANDARD: Inwiefern?

Mokyr: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Arbeitszeit in der industrialisierten Welt bei 3200 Stunden pro Jahr, heute bei der Hälfte. Das ist eine Form von Wachstum. Wenn Maschinen unsere Nahrung und Kleidung fertigen, werden wir noch viel weniger arbeiten. Ich kann mir eine Welt vorstellen, in der nur noch Menschen arbeiten, die wollen. Langweilige Jobs werden von Maschinen übernommen. Wachstum kann viele Formen annehmen. Es kann heißen, dass wir mehr Stahl oder Öl produzieren. Oder es kann eine Welt sein, wo wir mehr Zeit haben, uns an den Dingen zu erfreuen.

STANDARD: Warum startete die rapide Technologisierung gerade in Europa und nicht in einer Blütezeit in China, Arabien oder Persien?

Mokyr: In der frühen Neuzeit – zur Zeit der großen Entdeckungen und von Martin Luther – entstand in Europa etwas, das grundsätzlich anders war als in anderen Kulturen: Man wurde weniger respektvoll gegenüber dem Wissen, das von den Vorfahren stammte. Jede Gesellschaft hat einen gewissen Respekt vor dem Wissen früherer Generationen. Die Chinesen glaubten daran, dass sich die Wahrheit Menschen offenbart hatte, die vor langer Zeit gelebt hatten. Bei den Juden war das ähnlich, ebenso im Islam. Im Mittelalter war das auch in Europa so.

STANDARD: Was änderte sich?

Mokyr: Aristoteles und der klassische Kanon hatten die Antwort auf alles. Aber dann begannen sich die Leute in Europa am Kopf zu kratzen. Denn was sie entdeckten, widersprach den alten Schriften. Galileo, Torricelli, Tycho Brahe entdeckten Dinge, die vollkommen inkonsistent mit dem antiken Kanon waren. Man adaptierte also die Sichtweise, dass alles zuerst getestet werden müsse. Und damit starteten die Europäer neu. Sie erkannten, dass sie smarter waren als die Menschen in früheren Generationen. Das zu schaffen ist sehr schwer. Für viele war die Weisheit der Vergangenheit ein Gefängnis, die Europäer fanden den Weg aus diesem Gefängnis. (Alois Pumhösel, 16.1.2016)


Joel Mokyr, geboren 1946 in den Niederlanden, studierte in Jerusalem und Yale, bevor er Professor für Wirtschaft und Geschichte an der Northwestern University in den USA wurde. Der Wissenschafter mit US-amerikanischer und israelischer Staatsbürgerschaft war Gastprofessor in Stanford, Harvard und an der Hebrew University of Jerusalem. 2015 erhielt er den renommierten Balzan-Preis unter anderem für seinen neuen, komparativen Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung im Westen und besonders auf die Industrialisierung.

  • Die Europäer schafften zu Beginn der Neuzeit etwas, was kaum einer anderen Kultur gelang: Sie stellten das überlieferte Wissen infrage. Das ebnete letzten Endes den Weg für die industrielle Revolution.
    foto: www.picturedesk.com

    Die Europäer schafften zu Beginn der Neuzeit etwas, was kaum einer anderen Kultur gelang: Sie stellten das überlieferte Wissen infrage. Das ebnete letzten Endes den Weg für die industrielle Revolution.

  • Joel Mokyr verbindet Wirtschaftswissenschaften mit Geschichte und Erkenntnistheorie.
    foto: peter mosimann

    Joel Mokyr verbindet Wirtschaftswissenschaften mit Geschichte und Erkenntnistheorie.

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