Auch unter nicht verwandten Tieren gibt es selbstlose Unterstützung

17. Jänner 2016, 10:00
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Altruistisches Verhalten kann auch durch natürliche Selektion entstehen, wenn Spender und Empfänger nicht verwandt sind

Wien/Bern – Seit Charles Darwin tun sich Evolutionsbiologen mit Erklärungen schwer, wie sich Altruismus in einer Welt entwickeln konnte, wo die natürliche Auslese die "fittesten" Vertreter einer Art fördert. Egal ob sie andere füttern, lausen, beim Kinder-Großziehen unterstützen oder sie verteidigen, verlieren Helfer immer Zeit, Ressourcen und manchmal ihr Leben. Dadurch sollten sie weniger Nachkommen haben und allmählich von der Bildfläche verschwinden.

Der britischen Biologe William Hamilton erklärte dieses Paradoxon vor gut 50 Jahren mit der "Verwandtenselektion": Tiere fördern das Weiterbestehen ihrer Gene auch, wenn sie Individuen gleicher Abstammung unterstützen, weil diese viele gleiche Erbinformationen tragen. Diese Ansicht muss nun allerdings revidiert werden: Forscher um den österreichischen Biologen Michael Taborsky haben gezeigt, dass Geber und Nehmer für nicht unbedingt verwandt sein müssen.

"Durch die starke Erklärungskraft der Verwandtenselektion hat man ein bisschen vergessen, auf alternative Mechanismen zu schauen", sagte Taborsky, der am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern forscht. Um viele Kooperations-Rätsel im Tierreich und bei Menschen würde man sich herumwinden, indem man versteckte Verwandtenkooperation annimmt, anstatt sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Auf diesen Nachholbedarf in Fachkreisen wolle man in einem Sonderband des Fachjournals "Philosophical Transactions of the Royal Society B" hinweisen.

Verwandtschaft kann Kooperation sogar hemmen

Es habe sich immer mehr gezeigt, dass altruistische Hilfe oft auch nicht verwandten Sozialpartnern entgegengebracht wird, so die Forscher. "Im Widerspruch zu Hamiltons Theorie findet man sogar, dass Verwandtschaft Kooperation mitunter hemmt, anstatt sie zu fördern", erklären sie.

Wenn Vampirfledermäuse nicht zumindest alle 70 Stunden eine Blutmahlzeit ergattern, sterben sie den Hungertod. Für das gegenseitige Überleben spenden sie einander erbeutete Mahlzeiten, wenn jemand leer ausgeht. Das passiert öfter bei nicht blutsverwandten Artgenossen, die Sozialpartner sind, weil sie sich mit früheren Spenden oder durch Entlausen gute Freund gemacht haben, als bei Verwandten, berichten die Forscher.

Genauso bauen etwa nicht verwandte Feldwespen gemeinsame Nester, wo ein dominantes Weibchen Junge produziert, die von ihren Mitbewohnerinnen mitaufgezogen werden. Hier greifen wahrscheinlich andere Mechanismen, wie spätere Gegenleistungen nach dem Motto "Wie du mir so ich dir" ("tit for tat"). Bisher wurde dieser "reziproke Altruismus" im Tierreich aber für unbedeutend erachtet, kritisieren die Forscher. Man traute den Tieren die nötigen kognitiven Fähigkeiten nämlich nicht zu.

Doch simple Verhaltensregeln wären ausreichend, die Tiere müssten sich nicht einmal merken, wer ihnen bereits geholfen hat so Taborsky. Wenn sie nach einer empfangenen Hilfe einfach ihre Haltung ändern und ihrerseits wahllos helfen ("generalisierte Reziprozität"), würde dies laut Modellen von Taborsky und Kollegen zu evolutionär stabilen Kooperationsformen führen. Diesen Mechanismus habe man schon bei Ratten, Hunden und Affen nachgewiesen, so der Forscher.

Verlust der menschlichen Sonderstellung

Der Mensch verliert durch solche Ergebnisse freilich von seiner Sonderstellung. "Man hat die Tiere für zu dumm gehalten, um solche Regeln anzuwenden, aber das ist absolut nicht richtig", erklärte er. Bei einer Reihe von Wirbeltieren von Fischen bis Menschenaffen habe man sogar die direkte Reziprozität beobachtet, also dass ein Individuum einem anderen hilft, von dem es vorher Unterstützung empfangen hat.

Dafür müsse es freilich den Sozialpartner erkennen und sich an frühere Interaktionen erinnern. Diese Kompetenzen sind aber durchaus weitverbreitet. "Wenn Tiere im Wettstreit um Nahrung einem Gruppenmitglied unterliegen, machen sie ihm in Zukunft sein Futter nicht mehr streitig", so die Forscher. Auch hier verbinden sie eine individuelle Identität mit einem Verhalten und den Konsequenzen, um zukünftige Entscheidungen zu treffen. Nichts weiter sei nötig, damit Tiere reziprok kooperieren.

Niemand würde die Verwandtenselektion und ihre Bedeutung anzweifeln, doch andere Mechanismen seien vielleicht genau so wichtig, sagte Taborsky: "Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass man mit der natürlichen Auslese keinen Altruismus unter nicht verwandten Individuen erzeugen kann, aber das stimmt eben nicht", so der Biologe. (APA, red, 17.1.2016)


Link
Philosophical Transactions of the Royal Society B: "The evolution of cooperation based on direct fitness benefits."

  • Der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus) hilft immer wieder auch nicht-blutsverwandten Artgenossen aus, wenn sie einmal Hunger leiden müssen.
    foto: pascual soriano

    Der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus) hilft immer wieder auch nicht-blutsverwandten Artgenossen aus, wenn sie einmal Hunger leiden müssen.

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