Grüne für Ethik- und Religionenunterricht durch staatliche Lehrkräfte

12. Jänner 2016, 14:05
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Statt Segregation im konfessionellen Unterricht fordert Bildungssprecher Walser Werteunterricht in der Schule

Wien – Die Grünen sprechen sich für einen gemeinsam für alle Schüler durchgeführten verpflichtenden Ethik- und Religionenunterricht aus. Dieser müsse von einer staatlichen Lehrkraft abgehalten werden, sagte Bildungssprecher Harald Walser bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Außerdem müsse man in der Diskussion um die Ausbildungspflicht auch über eine Verlängerung der Schulpflicht nachdenken.

"Wir haben jetzt eine Segregation in einem ganz zentralen Bereich", verwies Walser auf den Religionsunterricht. Gerade von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) komme wiederum immer wieder die Forderung nach einem Werteunterricht: "Bitte wo, wenn nicht in der Schule", sagt Walser. Konfessioneller Religionsunterricht solle weiter auf freiwilliger Basis stattfinden können.

Für Präventionsarbeit

Im Umgang mit Extremismus würden die Schulen derzeit oft alleine gelassen, bemängelte Walser. In den 1980er und 1990er Jahren habe man durchaus mit Fortbildungsveranstaltungen und Kursen reagiert, es habe auch Möglichkeiten gegeben, Experten von außen an die Schulen zu holen. Genau diese Initiativen würden nun aber gestrichen. "Für Politiker ist Präventionsarbeit nicht gerade das, was wir als sexy bezeichnen können. Es gibt nicht ad hoc Erfolgsmeldungen, außer dass die Kurse stattgefunden haben."

Nach den Erfahrungen von Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), der unter anderem seit über 20 Jahren an Schulen bzw. der Lehrerfortbildung in Sachen Extremismus-Prävention tätig ist, hat die Radikalisierung von Jugendlichen zumindest in Ostösterreich zuletzt eher zugenommen – sowohl in Richtung Rechtsextremismus als auch Islamismus.

Fanatisierung im Park

An den Schulen komme es dabei eher selten zu abgeschlossenen Radikalisierungsprozessen, sagt Peham. Das liege unter anderem auch daran, dass die betroffenen Jugendlichen im entsprechenden Alter gar nicht mehr in der Schule seien. "Die Fanatisierung findet auch nicht in Moscheen statt, sondern eher im öffentlichen Raum, etwa in Parks." Die Anwerber gingen dabei sehr geschickt vor und suchten gezielt nach vereinsamten und verunsicherten Personen, oft auch Mobbingopfern. "Das sind Profis, fast negative Sozialarbeiter." Oft würde die Fanatisierung an der Schule aber eingeleitet, so Peham – etwa durch oft auch unbewusste Abwertung durch die Lehrer.

Umgekehrt gebe es aber auch einige radikalisierungshemmende Faktoren: "Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Verweildauer in einer Bildungseinrichtung und der Anfälligkeit für Extremismen. Wenn wir jedes Jahr 20, 30, 40 Prozent eines Jahrgangs an einer Schule von jeder weiteren schulischen Ausbildung abschneiden und sofort der Lohnarbeitszwang einsetzt, schaffen wir unfreiwillig gute Voraussetzungen für Menschenfänger", meinte Peham.

Einbeziehung schulfremder Personen

Wichtig sei auch die Einbeziehung von schulfremden Personen in die Präventionsarbeit: "Die Schule ist ein Ort, der notwendigerweise ein Autoritätsverhältnis verlangt. Man weiß ja, wenn die Lehrerin sagt: 'Seid's nicht extremistisch, seid's nicht fundamentalistisch', dann reagiert man eher im Gegenteil."

Eher schädlich ist es für Peham auch, gerade in Sachen Dschihadismus eine noch dazu große Gruppe wie Muslime unter Generalverdacht zu stellen. "Das führt dazu, dass Jugendliche zumachen." Gleiches gelte auch für "Überreaktionen und Alarmismus" samt sofortigem Schrei nach Staatsanwalt und Staatsschutz, nur weil Jugendliche zum Teil auch fundamentalistische Meinungen äußern.

Einig sind sich Peham und Walser in ihrer Forderung nach der Verankerung eines Pflichtfachs "Politische Bildung" auch an jenen Schultypen, wo es dieses noch nicht gibt. "Der muss anders aufgebaut sein als der normale Unterricht, so, dass sich die Schule öffnet für Personen von außerhalb, wo man auch aus der Schule hinausgeht, wo diskutiert wird und wo nicht am Schluss eine Demokratieprüfung steht." (APA, 12.1.2016)

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