Hunderte sollen aus Madaya gerettet werden

12. Jänner 2016, 12:39
52 Postings

Beobachtungsstelle berichtet von 300 Menschen, die die belagerte syrische Stadt verlassen haben. Ein Hilfskonvoi war am Montag angekommen

Damaskus – Nachdem ein Hilfskonvoi erstmals wieder in das seit Monaten belagerte Madaya vordringen konnte, sollen 400 vom Hungertod bedrohte Menschen nun so schnell wie möglich aus der syrischen Stadt herausgebracht werden. Sie seien dem Tod nahe und bräuchten dringend medizinische Hilfe, sagten UN-Diplomaten am Montagabend nach einer Sicherheitsratssitzung in New York.

Medienberichten zufolge haben einige Bewohner die Erlaubnis der syrischen Regierung erhalten, die Stadt zu verlassen. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete bereits von 300 Menschen, die Madaya verlassen konnten. Von unabhängiger Seite konnten die Angaben zunächst nicht überprüft werden

foto: reuters/omar sanadiki
Einige Bewohner Madayas gaben an, von der syrischen Regierung die Erlaubnis erhalten zu haben, die Stadt zu verlassen.

Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die an dem Hilfskonvoi beteiligt waren, hätten zuvor eine Bestandsaufnahme der Lage in dem Ort und des Zustands der Menschen gemacht. Madaya ist seit rund einem halben Jahr von Regierungstruppen eingeschlossen. Der erste Hilfskonvoi könne nur ein Anfang sein, sagten UN-Diplomaten.

UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien informierte den Sicherheitsrat über die aktuelle Situation. Spanien und Neuseeland hatten um das Treffen gebeten. "Es ist ermutigend, dass ein Konvoi mit Hilfslieferungen in Madaya angekommen ist, aber das ist nur der Anfang", sagte Neuseelands UN-Botschafter Gerard van Bohemen. "Wir brauchen ungehinderten und anhaltenden Zugang zu allen notleidenden Menschen in Syrien."

Auch Elizabeth Hoff, eine Vertreterin der WHO in Damaskus, die am Montag mit einem UN-Konvoi in Madaya war, zeigte sich alarmiert: "Man konnte sehen, dass die Menschen unterernährt sind und hungern. Sie waren dürr, müde und sehr verstört. Die Kinder, mit denen ich gesprochen habe, sagten, sie hätten keine Kraft zum Spielen." Die WHO bat daraufhin die syrische Regierung um Erlaubnis, mobile Kliniken und Ärzteteams nach Madaya zu senden, um das Ausmaß der Mangelernährung feststellen und Menschen evakuieren zu können. Hoff fügte hinzu, dass nur ein Ende der Belagerung und ein ungehinderter Zugang die Situation nachhaltig verbessern würden.

Der syrische UN-Botschafter Bashar Jaafari betonte dagegen, es gebe gar keine hungerleidenden Menschen in Madaya. Diese Berichte seien erfunden. Es gebe aber das Problem, dass Terroristen Hilfslieferungen stehlen würden.

Erste Hilfslieferung

Am Montag hatte die Hilfslieferung Madaya erreicht. Die ersten Lastwagen des Konvois mit insgesamt 330 Tonnen Nahrung und Medikamenten fuhren am Montagnachmittag in die Stadt, sagte Pawel Krzysiek, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), der Deutschen Presse-Agentur.

foto: apa/afp/louai beshara
Hilfskonvoi nahe Madaya am Montag.

Die Hilfe besteht neben Nahrung unter anderem aus Medikamenten für chronisch Kranke, Schwangere und Säuglinge. Dem Syrischen Halbmond zufolge reicht sie aus, um die bis zu 40.000 Menschen 40 Tage lang zu versorgen. Das UN-Büro für Nothilfekoordinierung (OCHA) berichtete in der Nacht auf Dienstag auf Twitter, die Entladung der Lastwagen sei auch nach Mitternacht noch weitergegangen.

Fast 30 Tote wegen Mangelernährung

Insgesamt starben in Madaya seit Dezember nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mindestens 28 Menschen an Mangelernährung, darunter sechs Kinder unter fünf Jahren. Erst am Sonntag bestätigte die Organisation fünf Todesfälle. Neben den Zivilisten befinden sich nach Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte etwa 125 Kämpfer der Rebellen in der Stadt. Spannungen zwischen ihnen und der Bevölkerung gebe es nicht.

Zeitgleich zu der Hilfe für Madaya traf eine Lieferung in den von Rebellen belagerten Orten Foua und Kefraya im Nordwesten Syriens ein. Diese Dörfer werden von Regierungstruppen gehalten, auch dort war nach Angaben von Menschenrechtlern eine Person infolge der Blockade gestorben. Die Hilfslieferungen in Madaya und den beiden Dörfen gehen auf eine von den UN vermittelte Abmachung zwischen dem Regime und den Rebellen zurück.

Zuletzt im Oktober Hilfslieferungen

Hilfsorganisationen konnten laut eigenen Angaben zuletzt im Oktober Lieferungen nach Madaya bringen. Aktivisten berichteten, die Menschen ernährten sich von Blättern, Hunden und Katzen. Bilder von bis auf die Knochen abgemagerten Menschen hatten international Entsetzen ausgelöst.

"Uns wurde gesagt, dass Essen geliefert wird, das wir fast drei Monate lang nicht hatten. (...) Ich hoffe, es wird auch Brot dabei sein, weil ich den Geschmack vergessen habe", sagte der zehnjährige Rami aus Madaya am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Der acht Jahre alte Hassan erzählte, er und seine Familie hätten in der vergangenen Woche nur von Wasser, Pfeffer und Salz gelebt: "Ich möchte Eier und Kartoffeln zum Abendessen haben."

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte schätzt, dass sich bis zu 40.000 Menschen in Madaya aufhalten. Ärzte ohne Grenzen spricht von mehr als 20.000 Menschen. Eigentlich hat die Stadt nur einige tausend Einwohner, doch infolge heftiger Kämpfe um die nahe Stadt Zabadani flohen viele Menschen nach Madaya.

Mehr Hilfe gefordert

Ärzte ohne Grenzen hatte am Sonntag regelmäßige Hilfseinsätze für Madaya und die anderen eingeschlossenen Orte gefordert. "Eine einzelne Lieferung wird das Problem nicht lösen", sagte der stellvertretende medizinische Direktor Tammam Aludat.

Das gezielte Aushungern von Zivilisten gilt völkerrechtlich als Kriegsverbrechen. Schon im Juni 2015 hatte der UN-Menschenrechtsrat in einem Bericht zur Lage in Syrien darauf hingewiesen, dass alle Konfliktparteien systematisches Aushungern wie in Madaya als Kampfmethode einsetzen. Die Organisation World Vision International berichtete unter Berufung auf die Vereinten Nationen, insgesamt benötigten rund 400.000 Menschen in Syrien dringend Lebensmittel, Trinkwasser und Medizin. (APA, red, 12.1.2015)

Share if you care.