"Die Stadt und die Macht" auf ARD: Sich in der Schlangengrube wohlfühlen

Ansichtssache12. Jänner 2016, 08:00
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Jede Politserie muss sich mit "House of Cards" und "Borgen" messen. "Die Stadt und die Macht" mit Anna Loos als Bürgermeisterkandidatin muss den Vergleich nicht fürchten.

foto: ard/frédéric batier

Hinter der Politik stehen Menschen. Karl-Heinz Kröhmer (Thomas Thieme) zum Beispiel, auch KK genannt. Ein Mann, der gerne dicke Zigarren pafft und im Nobelrestaurant Schnapsgläser an die Wand schmeißt. Karl-Heinz Kröhmer ist Chef der konservativen CDP.

Seine Berliner Freunde tragen dunkle Anzüge und auch dunkle Brillen. Sie blicken ernst, verschlagen. Immer geht es um einen Deal, um einen Handel, von dem keiner wissen darf. Bricht einer aus dem System aus, geht es darum, ihn mit allen Mitteln zurückzuholen oder – falls unmöglich – zumindest etwaig entstandene Schäden schnell und unauffällig zu entfernen.

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Alte Männer an der Macht

Im Fall des Bauunternehmers Oliver Griebnitz, der sich am Beginn der sechsteiligen Serie "Die Stadt und die Macht" (Dienstag, 20.15 Uhr, ARD) von seiner Dachterrasse in den Tod stürzt, ist das nicht leicht.

Berlin wird von einer rot-schwarzen Koalition regiert. Diese ist eine Schlangengrube, in der sich die Schlangen wohlfühlen. Fortan wird gezüngelt und fest zugebissen. Und dann ist da noch der Bausenator und Bürgermeisterkandidat, der seinem Bruder einen Kredit verschaffte, in dessen Firma er selbst im Aufsichtsrat sitzt. Das fliegt auf, die Koalition ist am Ende.

Das ist die Gelegenheit für "Patentochter" Susanne Kröhmer (Anna Loos). Sie ist jung, sie ist gierig, und sie will Erneuerung für die Bundeshauptstadt. Mehr haben die alten Männer in den Machtzentralen der fiktionalen Partei nicht gebraucht.

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Seit "House of Cards" und "Borgen" muss sich jede neue Politserie an diesen Ausnahmebeispielen dramatischer Serienkunst messen lassen. "Die Stadt und die Macht" hat Elemente von beiden und grenzt sich dennoch ab.

Die Bösewichte haben die Kälte und Rücksichtslosigkeit eines Frank Underwood im Weißen Haus, die gezogenen Stränge im Hintergrund, die Tragweite von Handlungen und die privaten Wickel der weiblichen Hauptfigur erinnern an die dänische Staatschefin aus "Borgen". Ihren eigenen Weg geht "Die Stadt und die Macht", weil es sich um Kommunalpolitik handelt, und dort darf es bekanntlich gern noch ein Stück tiefer sein.

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Gezüngelt und gebissen

Gemacht hat die Serie Friedemann Fromm, der 2010 mit "Weissensee" ein Bravourstück deutscher Serienkunst ablieferte und von dem es 2015 Fortsetzungen gab. Wie in "Weissensee" gelingt auch hier ein von der realen Politik abstrahiertes Zeitporträt mit der Vielschichtigkeit von Menschen, die sich im Privaten politisch wähnen und natürlich erst recht umgekehrt.

Als reine Lichtgestalt geht Susanne Kröhmer nämlich nicht durch. Ihr Vater nennt sie "verblasene Idealistin", auf ihren Mann kann sie ebenfalls nicht bauen. Um Stimmen zu fangen, sind aber auch ihr unlautere Methoden recht. Genau hier beginnt es, interessant zu werden.

Und dann kommt es schließlich doch zu einer ähnlichen Szene wie in "House of Cards": Ein verletztes Tier wird erlöst. Aber hier macht sich der Oberbösewicht die Finger nicht schmutzig. (Doris Priesching, 12.1.2016)

"Die Stadt und die Macht": Ab Dienstag, 20.15 Uhr, ARD

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