Ein Haus der Geschichte und der Zukunft

Kommentar der anderen11. Jänner 2016, 17:20
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Eine Replik auf Eva Blimlingers Ablehnung des Projekts in der Hofburg

Im STANDARD vom 4. Jänner stellt die Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien, Eva Blimlinger, zum österreichischen Wissenschaftsbetrieb neben unbestrittenen ökonomischen und politischen Blödsinnigkeiten auch fest, dass das geplante "Haus der Geschichte" an einem der geschichtsträchtigsten Orte, am Heldenplatz, keine Zukunft habe. Ihre wesentlichen Feststellungen dazu: a) Das Geld sei nicht gut angelegt. b) Die 111 Millionen würden nicht reichen. c) Geschichte werde in "diesem" Haus der Geschichte "nicht kleinteilig und zielgruppenorientiert" vermittelt. Im ORF-Interview vom 7. 1. führen Sie dazu – d) – ferner aus: Mit der Durchsetzung "dieser Standpunkte" zum Bau des Hauses der Geschichte werde Geld aus dem Fenster gehauen. e) Das Haus der Geschichte – in ihrer Diktion nun "ein Museum ohne Sammlung" – brauche man nicht. f) Die neue Burg als imperialer Ort sei nicht der ideale Ort, Jugendliche in das "neue Museum" zu locken. (Was jetzt: Haus der Geschichte oder neues Museum?)

Sollten diese von Ihnen, Frau Blimlinger, angeführten Befürchtungen zum Teil auch plausibel sein, so werden diese wohl noch von der "Community der Historiker und Museumsleute" gründlich zu hinterfragen sein. Zu kurz greifen Ihre Befürchtungen aber allemal.

Haus der Zeitgenossenschaft

Das Wesentliche, die Optionen, die mit der Realisierung eines "Hauses der Geschichte" verbunden sind, bleiben in Ihren Prophezeiungen ausgeblendet. Die Anforderung an ein "Haus der Geschichte" besteht nämlich darin, aus der Geschichte die Geschichte unserer Tage zum Tragen zu bringen – als ein Haus der Zeitgenossenschaft. Darüber sollte sich die Diskussion entfachen. Beispielhaft kann gerade dazu die Kunst aufgerufen werden: nur das "contemporary" gibt ihr und ihren Institutionen, wie auch der von uns geschätzten Bildenden, kulturelle und letztlich gesellschaftspolitische Bedeutung, für die sich die Akademie aber stets aufs Neue zu bewähren hat.

Für das "Haus der Geschichte" bedeutet eben dieses "contemporary" ganz konkret: die Möglichkeit des freien Zugangs der Bürger zum frei verfügbaren Wissen über die gesellschaftliche Vergangenheit mit der gezielten Option, jeden Einzelnen zu befähigen, daraus Erkenntnisse zur Gegenwart zu schöpfen. Anstatt uns diesen Herausforderungen zu stellen, wundern wir uns nur, dass die alleingelassenen, geschichtsfernen Bürger nach rechts abwandern. Ein Flüchtlingsthema sui generis!

Das "Haus der Geschichte" wäre gerade angesichts zunehmender Instabilität, Orientierungslosigkeit und Verunsicherung der prädestinierte Ort, den gesellschaftspolitisch hochbrisanten Bezugsrahmen zu bilden – keine Sammlung, kein Museum, Frau Blimlinger -, in dem unsere "historischen Fundamentaldaten" mit unserer Gegenwart stets aufs Neue verhandelt und abgeglichen werden. Damit würden sich Ihre Argumente als zweitrangig herausstellen, da damit das von Ihnen geschmähte Haus zu gleichen Teilen eines der Geschichte wie der Zukunft wäre. (Richard Kriesche, 11.1.2016)

Richard Kriesche (Jg. 1940) ist Vorsitzender des Alumnivereins der Akademie der bildenden Künste, Wien.

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