Köln und der Selbstmord der Freiheit

Kommentar der anderen11. Jänner 2016, 17:18
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Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Auch linken Idealisten. Eine von Naivität und falsch verstandenem Idealismus angetriebene Gesinnungsdiktatur hilft nur den Populisten

Nein, ich werde jetzt nicht schreiben: "Ich bin ja kein Rechter, aber ..." Denn ich bin kein Rechter. Und selbst wenn ich einer wäre, es wäre vollkommen irrelevant für das Aussprechen der folgenden, für viele Linken äußerst unangenehmen Wahrheit: "Integration" gelingt ganz offensichtlich nicht immer und ist – vielleicht – in manchen Fällen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Zumindest dann, wenn man sie den linken Idealisten überlässt.

Was ist eigentlich mit uns los? Sind wir schon so verwöhnt beziehungsweise verweichlicht durch den Genuss jener Freiheit und ihrer Anwendungsmöglichkeiten, für die unsere Vorfahren bereit waren, mit dem Leben zu bezahlen, dass wir sie nun kostenlos an Menschen verschenken, die sie gar nicht wollen, mit Füßen treten und somit eigentlich nicht verdient haben?

Rhetorische Tricks

Wenn jetzt linke Autorinnen und Autoren in ihren Kommentaren gleich zu Beginn versichern, dass die Ereignisse von Köln "selbstverständlich mit keinem Wort entschuldigt werden dürfen", um gleich darauf zu sagen, wir müssten "dennoch aufpassen, nur ja nicht den Rechten in die Hände zu spielen, indem wir verallgemeinern", verwenden sie genau jenen rhetorischen Trick, den sie ihren Gegnern unterstellen: "Man wird ja wohl noch sagen dürfen" – und treiben damit erst recht die Menschen in Scharen rechten Demagogen zu.

Wüste Beschimpfungen

Denn genau das ist der Punkt: Sagen dürfen, was Sache ist, ohne sich mit ideologisch motivierten Vorurteilen und Beschimpfungen konfrontiert sehen zu müssen, die einen in die vorauseilende Selbstzensur treiben, in die Verzweiflung oder in die Arme von FPÖ & Co. Denn "Meinungsfreiheit" alleine ist ein Pseudowert, wenn mit ihr nicht auch das Recht und die Möglichkeit einhergehen, die Wahrheit ungehindert aussprechen zu dürfen, auch wenn sie manchen nicht gefallen mag.

In der Gesinnungsdiktatur naiv-idealistischer Linker ist jedoch bereits das Nennen jener Wahrheit, die sie nicht hören wollen, ein Tabu, das mit allen Mitteln, auch unlauteren, verteidigt wird. Das zeigt sich nicht zuletzt daran exemplarisch, wie die Wiener SPÖ auf die kurz vor Jahresende publik gemachten Untersuchungen zu den islamischen Kindergärten reagiert hat: Eine Profilierungskampagne des (ÖVP-)Ministers Kurz sei das, ereiferte sich Sonja Wehsely vor laufender Kamera sinngemäß und lenkte damit mehr oder weniger geschickt davon ab, dass sie selbst und ihre Gesinnungsgenossinnen und Gesinnungsgenossen mitverantwortlich sein könnten an so manchem Problem rund um das Thema "Integration".

Ohne Wahrheit

Doch wenn wir die Wahrheit nicht mehr wissen wollen oder wissen dürfen, wie soll dann ein aufgeklärter Dialog aller Betroffenen, auf politischer und zivilgesellschaftlicher Ebene, stattfinden, in welchem wir offen darüber diskutieren können, wie wir leben wollen, was "Freiheit" für uns bedeutet und was wir von Neuankömmlingen nicht nur erhoffen oder vielleicht erwarten, sondern mit Nachdruck verlangen dürfen?

Linker Stammtisch

Wer eine offene Gesellschaft nicht nur in der Theorie am linken Stammtisch, sondern auch in der Realität vertritt, muss damit leben können, dass auch solche Wahrheiten ausgesprochen und behandelt werden dürfen, die ihm oder ihr selbst nicht ins Konzept passen. Wer bereits diesen fundamentalen Bestandteil der Freiheit einem falsch verstandenen Idealismus zu opfern bereit ist, umklammert die gesamte Freiheit und stürzt sich mit ihr zusammen in den Tod. (Georg Schildhammer, 11.1.2016)

Georg Schildhammer (Jahrgang 1970) lebt als Philosoph und Autor in Wien. Zuletzt erschienen: "Gut Mensch. Ein Streifzug durch Moral und Ethik" (Goldegg-Verlag, Wien).

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