"Spam": Ein Königreich für keinen virtuellen Helden

11. Jänner 2016, 17:16
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Was haben wir im Netz verloren? Spregelburds "Spam" im Wiener Schauspielhaus

Wien – Die Tragödienhelden in grauer Vorzeit hatten genug am Kerbholz. Man darf nicht vergessen, Ödipus erschlug seinen Vater, weil der ihm im Weg herumstand. Damit nicht genug, wohnte er anschließend auch noch der eigenen Mutter bei. Auch wenn es sich bei Ödipus' Blutschande im Wesentlichen um ein Versehen handelte, möchte man mit dem Unglücksraben aus Theben nicht tauschen. Man versteht daher auch, dass jemand wie "Mario Monti", der tollpatschige Held des todschicken Monodramas Spam im Wiener Schauspielhaus, es deutlich billiger gibt.

Leute wie Ödipus besaßen gegenüber jemandem wie Monti (Sebastian Schindegger) freilich einen entscheidenden Vorteil. Sie waren "analog". Signore Monti dagegen ist nicht über den Weg zu trauen. Das bisschen Gewissheit, das er sich über seine Existenz verschafft, verdankt er den Spuren, die er im World Wide Web hinterlassen hat.

Internet-User wie du und ich

Der Mann mit dem schütteren Haar ist eine Erfindung des argentinischen Dramatikers Rafael Spregelburd. Er mischt sich im "Nachbarhaus" des Schauspielhauses leutselig unters Volk. Internet-User wie du und ich hängen selig an seinen Lippen. Dieser aufreizend durchschnittliche Mensch leidet stellvertretend für uns alle! Er verbringt das bisschen Leben, das ihm Spregelburds Puzzlespiel zugesteht, meistens am Laptop, gut sichtbar für uns alle. Manchmal dürfen die Zuschauer Spickzettelchen an ihn weiterreichen. Der heimliche Star der Aufführung ist in Wahrheit der Beamer. Mario Monti heißt nicht nur wie ein früherer, überwiegend als glücklos eingeschätzter Premierminister unseres südlichen Nachbarlandes Italien. Er hält sich obendrein auch noch in Malta auf und ist Landvermesser.

Lähmend liebenswürdig

Jemand hat Monti zu einem heiklen Zeitpunkt eine auf die Birne verpasst. Jetzt ist guter Rat teuer. Wer bin ich, woher komme ich? In welcher Nische des Netzes habe ich mein vorheriges Leben verräumt? Das Internet ist nicht nur geduldig, sondern es besitzt auch ein Gedächtnis. "Wer war ich gleich?", fragt unser Zeitgenosse im zerknautschten Smoking (diesen soll Sean Connery in seiner Rolle als 007 getragen haben).

In Glückskeksen versteckt, lauern die Einträge eines Tagebuches, das man so genau gar nicht kennenlernen wollte. Kathrin Herms Inszenierung ist so lähmend liebenswürdig wie das "Stück" sterbenslangweilig. Aber Hauptsache, das Theater ist rundherum total global und durch Gegenwartsnähe zukunftsfit. (Ronald Pohl, 11.1.2016)

  • "Spam" im Schauspielhaus Wien.
    foto: timon mikocki

    "Spam" im Schauspielhaus Wien.

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