Wucherprozess: Pingpong und 75 Prozent Zinsen

12. Jänner 2016, 05:30
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Ein 44-Jähriger soll Bekannten Geld gegen horrende Zinsen geliehen haben. Er spricht von freiwilligen Zahlungen oder Lügen

Wien – Mario S. wird von einem Zeugen so beschrieben: "Er ist ein Überredungskünstler. Wenn er zehn Minuten mit Ihnen redet, geben Sie ihm 20.000 Euro", sagt er zu Richterin Sylvia Primer. Was natürlich nicht stimmt – denn Primer hat zuvor eineinhalb Stunden mit S. gesprochen und am Ende dennoch kein Geld gezückt.

Bei drei Männern soll der 44-Jährige mehr Erfolg gehabt haben. Daher sitzt er mit einer Anklage wegen Geldwuchers hier. Völlig zu Unrecht, sagt er. Ja, er habe Freunden, die in Not waren, Geld geborgt, die hätten aber entweder freiwillig mehr zurückgezahlt oder würden lügen.

Angeklagter in Privatkonkurs

Derzeit lebt S. von einem Pensionsvorschuss von 750 Euro im Monat, sagt er. 250 Euro zahlt er Alimente, 1.050 Euro muss er jährlich im Rahmen seines Privatkonkurses begleichen. Eigentlich habe er im Jahr 2011 wegen Berufsunfähigkeit schon eine höhere Pension bewilligt gehabt, die wurde aber wieder gestrichen.

Ein Motiv, als Kredithai aufzutreten, wäre das durchaus. Aber es sei alles anders gewesen, beharrt der Angeklagte. Beispielsweise bei Franz P., der übrigens 2014 selbst in Konkurs gegangen ist.

"Er hat mich so 2011 gefragt, ob ich ihm 800 Euro borgen kann. Dafür wollte er mir nach einem Monat freiwillig 50 Euro mehr zurückzahlen." Das geschah laut S. auch. Nur entwickelte sich daraus offensichtlich ein Perpetuum mobile: Denn 800 Euro borgte er seinem Bekannten gleich wieder und bekam nach vier Wochen neuerlich 850 Euro retour.

Geld kreiste zwischen Bekannten

In einem Jahr erhielt er demnach wohlfeile 75 Prozent Zinsen – er borgte ihm im Endeffekt 800 Euro und erhielt 600 Euro zusätzlich. Es wird noch seltsamer: Denn S. sagt, er habe sich die 800 Euro selbst von einem Kollegen ausgeborgt – und monatlich zurück- und sofort wieder ausgezahlt bekommen.

"Aber das war dann ja ein Pingpong-Spiel?", wundert sich Priemer. Der Angeklagte muss das konzedieren, bietet aber eine Erklärung an: "Ich wollte auf Nummer sicher gehen. Falls mein Kollege das Geld gebraucht hätte." – "Gibt es da irgendetwas Schriftliches?", fragt die Richterin. Gibt es nicht.

Warum Zeuge P. davon spricht, dass die 50 Euro extra Zinsen gewesen seien und sein Masseverwalter von einer Aussage über Drohungen durch S. berichtet, kann sich Letzterer nicht erklären.

Erfolgloses Unternehmen

Dem Zeugen Andreas L. wiederum habe er in zwei Tranchen 10.000 Euro geborgt. "Damit er eine Lkw-Firma gründen kann. Wir haben ausgemacht, dass er mir nach einem Jahr 11.000 Euro zurückzahlt." Das wären immer noch zehn Prozent Zinsen gewesen, eine schriftliche Vereinbarung über die gibt es jedoch auch nicht.

Überhaupt habe er nur 5.000 Euro zurückbekommen. Und einen Mercedes älteren Baujahrs. Die Frau des Zeugen behauptete aber bei der Polizei, es seien monatlich 1.000 Euro fällig gewesen. Bei einem Besuch habe S. einmal gesagt: "Wenn ihr nicht zahlt, könnte ich euch auch jemand vorbeischicken." Der Angeklagte grinst, Primer findet das weniger amüsant.

Ebenso wenig, dass S. mittlerweile die vierte Version über seine Geldgeschäfte zum Besten gibt. 2014 hatte er bei der Polizei noch rundweg bestritten, überhaupt irgendjemandem je Geld geborgt zu haben. Später gestand er vor dem Bezirksgericht einen Freundschaftsdienst zu, noch später zwei. Mittlerweile liegt man bei allen drei angeklagten Fällen.

"Bin ja keine Bank"

Zwei Erklärungen bietet der Vorbestrafte der Richterin: "Ich wollte keine Unschuldigen hineinziehen" und "Es gab ja keine Kredite, ich bin ja keine Bank." Ein Freund von ihm könne das auch bezeugen.

Allerdings kann ihm Primer noch einen dritten Fall vorhalten. Im Jahr 2008 soll er einem Bekannten 9.000 Euro geborgt und dieser in fünf Jahren 54.000 Euro zurückgezahlt haben. S. bestreitet das: Er habe im Jahr 2011 die 9.000 zurückbekommen, zusätzlich habe der Schuldner für ihn gelegentlich Autos repariert.

Zeuge Ilija K. sagt dagegen, er habe fünf Jahre lang monatlich 900 Euro zahlen müssen. Das sei sich nicht immer ausgegangen, daher habe er manchmal als Gegenleistung zum Werkzeug gegriffen. Das kommt allerdings auch der Staatsanwältin seltsam vor. Warum er nicht einfach aufgehört habe, wenn er für die 9.000 Euro beispielsweise 15.000 zurückgezahlt habe? "Es war so ausgemacht", so die lapidare Antwort.

Verteidiger verlangt Dolmetscher

Das Problem: K. spricht offen hörbar nicht perfekt Deutsch. Verteidiger Michael Bereis beantragt daher die Beiziehung eines Dolmetschers, was Primer am Ende akzeptiert.

Der könnte sich auch für die Mutter des Kindes von S. auszahlen. Die sagt nach der Belehrung zunächst, sie verweigere die Aussage. Kommt aber am Ende wieder und behauptet, sie habe es falsch verstanden und wolle doch Rede und Antwort stehen.

Was auch insofern interessant sein könnte, als der Verteidiger sie als "Mastermind" hinter der Sache vemutet – erst nach der Trennung seien die Vorwürfe gegen seinen Mandanten erhoben worden.

Der letzte Zeuge des ersten Verhandlungstages ist jener, der von den Überredungskünsten überzeugt ist. Zwischen 2010 und 2014 habe er S. immer wieder Geld geborgt – bis zu 10.000 Euro bei einer Tranche. "Er hat gesagt, er kann es vermehren", fünf Prozent Zinsen verlangte der Zeuge.

Schulden beglichen, mehr Geld geborgt

Interessanterweise soll es auch hier zu einem Tischtennisspiel gekommen sein: Sobald S. die Schulden beglich, habe er sich noch mehr Geld ausgeborgt. "Ich war so dumm und so naiv", begründet er, warum er schlussendlich angeblich auf 70.000 Euro sitzengeblieben sei.

Tatsächlich gibt es in diesem Fall aber unterschriebene Rückzahlungsbestätigungen, wenn auch nicht über die gesamte Summe, wie der Zeuge beteuert.

Primer vertagt für weitere Zeugen und die Beischaffung eines Akts auf unbestimmte Zeit. (Michael Möseneder, 12.1.2016)

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