Die lähmende Schwangerschaft

13. Jänner 2016, 12:08
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Depressionen während und nach der Schwangerschaft sind keine Seltenheit. Experten raten, nicht zuzuwarten, sondern frühzeitig zu handeln

Die Geburt eines Kindes gilt gemeinhin einzig als freudvolles Ereignis. Unbewusst wird es als Selbstverständlichkeit betrachtet, dass vor allem Frauen, die die Strapazen der Schwangerschaft und Geburt überstanden haben, von Glück erfüllt sind. Doch diese Erwartung ist oft weit gefehlt. Zittern, Schwindel, Herzrasen, Panikattacken, das Gefühl der Überforderung – die Liste der möglichen Symptome ist vielfältig, und dennoch haben sie alle etwas gemein: Es sind Anzeichen einer möglichen Depression während einer Schwangerschaft oder kurz danach.

Viele wissen nicht, dass eine Depression bereits während der Schwangerschaft beginnen kann. "Symptome, die in diese Richtung zeigen, werden oft nicht als solche gedeutet. Depressionen sind kein Thema in einem normalen Schwangerschaftskurs", sagt die Medizinerin Gerda Kosnar-Dauz. Oftmals würden werdende Mütter die Anzeichen nicht deuten können. Schätzungen zufolge sind etwas zehn Prozent der schwangeren Frauen depressiv.

Antidepressiva ungefährlich

"Alle Menschen rund um mich freuen sich riesig darüber, dass ich schwanger bin, und haben tausend gute Ratschläge und Tipps parat", schreibt eine junge Frau in einem Online-Forum, in dem sich Schwangere und Mütter mit Depressionen austauschen. "Ich will aber nichts über Geburten, Krankenhäuser oder Stillen hören. Es überfordert mich. Ich fühle mich schlapp und leer." Die Userin stößt online auf viele Gleichgesinnte. Die meisten von ihnen wurden von der aufkommenden Lethargie und dem Gefühl der Überforderung förmlich überrollt. Die große vorherrschende Frage im Forum: Wie wirken sich Antidepressiva auf mein Kind aus?

"Zahlreiche Studien belegen, dass die Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft gefahrlos ist", sagt Claudia Reiner-Lawugger, Leiterin der Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie im Wiener Otto-Wagner-Spital. So gebe es keine signifikanten Zusammenhänge mit Autismuserkrankungen oder Missbildungen, die oft gefürchtet würden. Studien belegen hingegen, dass eine Nichtbehandlung negative Auswirkungen auf das Kind haben kann. "Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass pränataler Stress bei den Kindern zu Frühgeburtlichkeit und niedrigem Geburtsgewicht führt." Ebenso könne es Auswirkungen auf das Temperament des Kindes geben, das unruhiger sei oder zu den sogenannten Schreibabys zähle.

Heulkrämpfe nach Geburt

Für viele Frauen beginnt erst nach der Geburt eine kurze Phase der Schwermut. Die Schwankungsbreite der Betroffenen ist je nach Studie unterschiedlich. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 25 und 80 Prozent. Demzufolge ist zumindest jede vierte Frau vom sogenannten "Babyblues", im Volksmund auch als "Heultage" bekannt, betroffen. Oft wird er mit heftigen Heulkrämpfen eingeläutet, doch die depressive Verstimmung ist nur von kurzer Dauer und vergeht nach wenigen Tagen wieder.

"Der Babyblues ist definitiv keine Erkrankung. Nach der Schwangerschaft kommt es unter anderem zu einem starken Hormonabfall, gleichzeitig ist die enge Bindung zu dem Neugeborenen für viele überwältigend." Diese hochsensible Befindlichkeit der Frau sei nach spätestens drei Tagen wieder verflogen.

Anders liegt der Fall bei einer unbehandelten Schwangerschaftsdepression. "Die Erkrankungen, die direkt nach der Geburt beginnen, sind Krankheiten, die von der Schwangerschaft mit hinübergezogen worden sind – häufig auch depressive Erkrankungen", sagt Reiner-Lawugger. Wenn eine pränatale Depression allerdings behandelt wurde, müsse es nicht automatisch zu einer Depression nach der Geburt des Kindes kommen.

Selbsthilfegruppen

Bei rund zehn Prozent der Frauen treten die sogenannten postpartalen Depressionen auf, die bis zu einem Jahr andauern können. Diese setzen erst Wochen oder Monate nach der Geburt ein, sind aber nicht wie der Babyblues eine vorübergehende Empfindung, sondern müssen behandelt werden.

Auch Gerda Kosnar-Dauz litt nach der Geburt ihres zweiten Kindes unter Depressionen: "Am meisten hat mir eine Psychotherapie und der Austausch mit anderen geholfen." Seit 2011 leitet sie in Wien die Selbsthilfegruppe "Mutterglück", für viele eine erste Anlaufstelle. Das wichtigste für die Frauen sei, zu sehen, dass auch andere so fühlen. Klassisch an der postpartalen Depression ist eine aufkommende Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, dass es nie mehr bergauf gehen würde. "Für die Neuankömmlinge ist es gut, andere Teilnehmerinnen zu sehen, die das Schlimmste schon hinter sich haben. Das gibt ihnen Mut und Kraft."

Perfektionistische Akademikerin

Reiner-Lawugger ortet eine neue Risikogruppe für Depressionen nach der Schwangerschaft – jene der "Leistungsmütter", wie sie diese Gruppe nennt. Denn vor allem gut ausgebildete Frauen, die alles richtig machen wollen, hätten oftmals große Probleme damit, dass ihre Ordnung durch das Kind aus den Fugen gerät. "Wir leben inzwischen in Kleinfamilienstrukturen. Viele Frauen haben das erste Mal mit ihrem eigenen Kind ein Baby in der Hand. Sie wissen nicht, wie der normale Stuhl eines Kindes aussieht oder wie es sich äußert, wenn ein Kind krank ist." Es sei schwerer, alles aus Büchern zu lernen, als durch Erfahrungen, folgert Reiner-Lawugger.

Kosnar-Dauz rät werdenden Müttern – vor allem jenen, in denen es in der Familie Fälle von Depressionen gibt –, sich frühzeitig zu informieren und besonders vorsichtig zu agieren. Eine Präventionsmaßnahme sei, Stresssituationen wie etwa einen Umzug bewusst zu vermeiden. Zusätzlich sollte nach der Geburt die Mutter besonders unterstützt werden. "So wie jeder weiß, dass eine schwanger Frau nicht schwer tragen sollte, müsste jeder wissen, dass man frischgebackene Mütter besonders umsorgen muss." Frei nach dem Motto: "Mothering the mother," sagt Kosnar-Dauz. (Sophie-Kristin Hausberger, 13.1.2015)

  • Für viele Mütter kommt das vielbeschworene Mutterglück erst Monate nach der Geburt.
    foto: apa

    Für viele Mütter kommt das vielbeschworene Mutterglück erst Monate nach der Geburt.

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