Es droht ein Lagerwahlkampf

Kommentar10. Jänner 2016, 19:22
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Andreas Khol ist eine Ansage: Rechts gegen links, die Positionen sind bezogen

Alexander Van der Bellen hat tatsächlich gute Chancen. Die Unruhe und Unsicherheit in der Koalition und der verunglückte Anlauf der ÖVP, ihren Kandidaten zu präsentieren, der jetzt Andreas Khol und nicht Erwin Pröll heißt, spielen dem Kandidaten der Grünen politisch in die Hände. Die Geradlinigkeit, mit der Van der Bellen als unkonventionelle Persönlichkeit auf sein Publikum zugehen kann, ist zweifellos ein Vorteil gegenüber den Wenn-und-Aber-Kandidaten aus den Reihen der großen Koalition.

ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner versucht nach dem PR-Desaster, das ihm Pröll mit seiner späten Absage beschert hat, das Beste aus seiner Sicht zu machen. Mit Khol präsentierte er einen Kandidaten, der zumindest klar positioniert ist und mehr als andere Optionen – wie etwa der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler, der ebenfalls in der engeren Auswahl war – in der Lage ist, auch im freiheitlichen Lager auf Stimmenfang zu gehen. Das gilt insbesondere für die Stichwahl, in der die ÖVP als Gegner Van der Bellen oder den SPÖ-Kandidaten Rudolf Hundstorfer erwartet.

Das strahlt aber auch über diese aktuelle Wahlauseinandersetzung hinaus. Khol hat viele Gesichter und eine lange Karriere durch Partei- und Staatsämter hinter sich. Vielen ist er aber dezidiert als Wolfgang Schüssels Adjutant bei der Errichtung der schwarz-blauen Koalition mit Jörg Haider in Erinnerung, als schwarzer Zwillingsbruder des blauen Klubobmanns Peter Westenthaler, mit dem er in Speed-kills-Manier ungeliebte Reformen durchpeitschte.

Da denken manche jetzt schon weiter – in Richtung einer neuerlichen schwarz-blauen (oder blau-schwarzen) Koalition. Und vielleicht wird diese Rute der SPÖ von Mitterlehner jetzt sehr bewusst ins Fenster gestellt.

Dieser strategischen Überlegung folgend, ist jedenfalls zu erwarten, dass die Wahlauseinandersetzung um die Hofburg zu einem Lagerwahlkampf gerät. Auf der linken Seite SPÖ-Mann Rudolf Hundstorfer und der Grüne Alexander Van der Bellen mit Ausstrahlung tief in das liberale, bürgerliche Lager hinein, auf der rechten Seite Andreas Khol und Irmgard Griss, die im bürgerlichen Lager ein breiteres Spektrum außerhalb von Parteigrenzen anzusprechen vermag.

All diese Überlegungen mögen über den Haufen geworfen werden, wenn die FPÖ tatsächlich selbst einen Kandidaten aufstellt und dieser Heinz-Christian Strache heißt. Dann würde es wohl wieder einmal gelten: Alle gegen Strache. Mit ungewissem Ausgang.

Ein seltsamer Wahlkampf wird das in jedem Fall.

Die Kandidaten der großen Koalition sind zweifellos gestandene Politprofis mit jeder Menge Erfahrung; sie sind mit allen Wassern gewaschen, aber sie sind nicht unbedingt die großen Sympathieträger mit Strahlkraft und Charisma. Dass Hundstorfer mit bald 65 Jahren der Jungspund in dieser Auseinandersetzung wäre, soll niemandem zum Vorwurf gemacht werden, ist aber dennoch bezeichnend.

Es wird schwer sein, in dieser Wahlauseinandersetzung auch die jungen Menschen anzusprechen und mitzunehmen. Deren Überdrüssigkeit und Abneigung gegen die Politik und ihre Darsteller könnten eher noch bestärkt als aufgebrochen werden. Und davon könnte wiederum Strache profitieren, als Hofburg-Kandidat oder auch nur als FPÖ-Chef in Hinblick auf kommende Wahlen. (Michael Völker, 10.1.2016)

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