"Flammende Reden ...": "Soll ich mich opfern für diese Idee?"

10. Jänner 2016, 18:22
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Am Landestheater Niederösterreich feierte Ana Zirners "Flammende Reden, brennende Plätze" Uraufführung

St. Pölten – Menschen, die sich gegen eine Autorität erheben, und sei es gegen den eigenen Staat, müssen auf der Hut sein. Die weltweiten Protestbewegungen der letzten Jahre, meist sichtbar geworden auf zentralen Plätzen der Metropolen, haben dafür eigene Formen des Selbstschutzes und des Demonstrierens entwickelt.

Wird von der Staatsgewalt beispielsweise das Versammlungsverbot durchgesetzt, so lautet unter den Demonstranten das Kommando "civilian!", auf dass sich jeder Pulk schnellstmöglich in viele einzelne, "zufällig" anwesende Bürgerinnen und Bürger verwandelt. Der Aufruf "melt!" hingegen meint das Gegenteil: Die Widerständler verschmelzen zu einer Menge, indem sie sich ineinanderhaken und niederhocken.

Diese kleine Protest-Kunde war Teil des Stücks Flammende Reden, brennende Plätze von Ana Zirner (auch Regie), das am Samstag auf der Werkstattbühne des Landestheaters Niederösterreich Uraufführung hatte und die jeweiligen Schauplätze in Erinnerung rief: vom Tahrir-Platz in Kairo über New York als Zentrum der Occupy-Bewegung bis zum Taksim in Istanbul oder dem Syntagma-Platz in Athen.

Protestprotagonisten

"Ich glaube einfach nicht an Führer", sagt eine Frau, die sich im November 2013 dazu entschlossen hat, am Maidan in Kiew gegen die Regierung Janukowytsch zu demonstrieren. Insgesamt hat Ana Zirner vier Protagonisten solcher Proteste ausgewählt; weiters einen verfolgten Journalisten aus Syrien, eine Kurdin aus Istanbul und einen Mann aus Madrid, der mit den Indignados 2011 auf der Puerta del Sol gegen die wirtschaftlichen und sozialen Missstände im Land protestiert hatte.

Eine Collage von Originalsätzen aus den Interviews mit diesen vier Menschen bildet dabei das Stück. Diese sogenannte Verbatim-Technik entwickelt in der nur 70-minütigen Inszenierung Dringlichkeit und hat Kraft. Das Publikum sitzt vereinzelt auf im Raum verteilten Lautsprecherboxen. Die Texte, von vier Schauspielern (Swintha Gersthofer, Pascal Gross, Marion Reiser, Jan Walter) inmitten der Zuschauer gesprochen, wirken nicht nur durch ihren direkten Bezug zu einem konkreten Menschen und dessen freier Rede, sondern auch durch die Verdichtung und jeweilige Gegenüberstellung.

Theaterrauch gegen Realismusanspruch

Die "Echtheit" des Gesagten bleibt dennoch immer Theater. Zirner konterkariert den Realismusanspruch sogar, indem sie für nachgestellte Demonstrationsszenen (Choreografie: David Russo) eine Extraportion Theaterrauch vorsieht.

Man folgt vier Individuen und ihren Motiven, sich zu wehren, auch inneren Gewissensfragen ("Soll ich mich opfern für diese Idee?" oder: "Ich bin doch gar keine Steine-gegen-Polizei-Schmeißerin!"). Der Abend schärft das Bewusstsein für all jene Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens friedlich für ihre Überzeugungen kämpfen (müssen). (Margarete Affenzeller, 11.1.2016)

Bis 23.2.

  • Widerstand verlangt nicht zuletzt nach ausgefeilter Praxis:  Flugzettel bestmöglich verteilen (li.: Marion Reiser).
    foto: nurith wagner-strauss

    Widerstand verlangt nicht zuletzt nach ausgefeilter Praxis: Flugzettel bestmöglich verteilen (li.: Marion Reiser).

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