Italien will sich an Nord Stream 2 beteiligen

11. Jänner 2016, 05:30
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Vor kurzem noch ein strikter Gegner des Projekts, will Premier Renzi nun ebenfalls mitmischen

Mailand/Wien – Italien vollzieht beim umstrittenen Ausbau der Pipeline Nord Stream, durch die unter Umgehung von Polen und der Ukraine in Zukunft die doppelte Menge Erdgas aus Russland direkt nach Deutschland gelangen soll, eine 180-Grad-Wende. War Regierungschef Matteo Renzi noch im Dezember beim Europarat strikt gegen den Ausbau der Pipeline, will er nun Italien an dem Projekt beteiligt sehen.

Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin habe es Gespräche gegeben, er sei einverstanden. Noch im Jänner will Renzi die deutsche Kanzlerin Angela Merkl treffen. Geplant ist, dabei auch über die zweite Röhre der Ostsee-Pipeline zu sprechen.

Kritik an Deutschland

Nicht nur Renzi hat in den vergangenen Wochen mehrmals kritisiert, Deutschland betreibe ein doppeltes Spiel. Einerseits fordere Berlin die Fortsetzung der Sanktionen gegen Russland, andererseits profitiere Deutschland wie kaum ein anderes Land vom Nord-Stream-Projekt und kooperiere eng mit der russischen Gazprom. Auch der ehemalige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hatte kürzlich im Gespräch mit dem STANDARD die deutsche Haltung gegenüber Moskau als "heuchlerisch" angeprangert.

Italien hat sich in letzter Zeit mehrmals gegen eine Fortsetzung der Russland-Sanktionen ausgesprochen. Dies dürfte die Haltung Putins gegenüber den Forderungen Renzis beeinflusst haben. Laut der Mailänder Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore hat Putin einer stärkeren Position Italiens am Nord-Stream-Projekt zugestimmt.

Beteiligung noch unklar

Noch ist aber nicht klar, ob sich der halbstaatliche Erdölmulti Eni direkt am Pipeline-Projekt beteiligen oder italienische Unternehmen bei der Auftragsvergabe begünstigt werden sollen. Auch die dritte Möglichkeit, beides durchzusetzen, steht im Raum.

Eine Mitteilung des römischen Außenministeriums jedenfalls bestätigt, dass der Energiesektor in den bilateralen Beziehungen zwischen Italien und Russland künftig eine Schlüsselposition einnehmen wird. Die römische Regierung muss die neue Position jedenfalls noch in Brüssel erklären.

Italien ist mit seiner Energieversorgung noch zu 40 Prozent von Erdöl- und Erdgaseinfuhren abhängig. Nachdem das Projekt South Stream einer Gasleitung von Russland durchs Schwarze Meer mit einer Abzweigung nach Italien auch infolge der Ukraine-Krise ad acta gelegt wurde, hat sich Italiens Position am europäischen Energiesektor verschlechtert. Eni war beim South-Stream-Projekt federführend, das Anlagenbauunternehmen Saipem hat Milliarden an Aufträgen verloren.

EU-Energieleitlinien

Am Konsortium Nord Stream 2 hält Gazprom die Mehrheit. Beteiligt ist auch die OMV, die wie Shell, Eon und BASF/Wintershall zehn Prozent an der Gesellschaft hält. Neun Prozent hält Engie.

Bekommen die Proponenten grünes Licht, soll die Ostsee-Pipeline mit einem Kostenaufwand von rund elf Milliarden Euro bis 2019 verdoppelt und die Menge transportierbaren Gases auf bis zu 110 Milliarden Kubikmeter aufgestockt werden. Weil die Energieleitlinien der EU eine strikte Trennung von Produktion- und Transportunternehmen vorschreiben, Gazprom aber im Konsortium tonangebend bleiben will, ist es unklar, ob und wann das Projekt überhaupt realisiert werden kann. (Thesy Kness-Bastaroli, Günther Strobl, 11.1.2016)

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