Von der Gesamtschule keine Ahnung

Kommentar der anderen10. Jänner 2016, 16:36
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Nicht nur Irmgard Griss, sondern auch die Bildungsreformkommission der Regierung ist in Schulfragen nicht gut bewandert

Muss eine Bundespräsidentschaftskandidatin zu jedem Thema, zu dem sie befragt wird, irgendetwas sagen? Nein. Sie könnte antworten, dass sie darüber zu wenig weiß, sich aber kundig machen wird. Causa finita, keine Perle aus der Krone gefallen. Unglücklicherweise hat Irmgard Griss in einem Falter-Interview den Rat "Si tacuisses", der ihr sicher von ihrer Schulzeit her und als ehemaliger Richterin vertraut ist, ignoriert. Auf die Frage, wie sie zur Gesamtschule steht, meinte sie, sie sei dagegen, weil nicht das "Taferl" (an der Schule) entscheidend sei, sondern die Motivation und die Ausbildung der Lehrer. Frau Griss hat anscheinend keine Ahnung, was eine Gesamtschule ist und was die Bezeichnung einer Schule für deren Innenleben bedeutet.

Das "Schultaferl" ist im Gegensatz zur irrigen Griss'schen Meinung keine vernachlässigbare Beiläufigkeit. Die "Taferln" Gymnasium oder Neue Mittelschule stehen für zwei unterschiedliche Schultypen mit unterschiedlichen gesetzlichen Bildungsaufträgen, mit unterschiedlichen Schulkulturen, mit einer unterschiedlichen Wertschätzung im öffentlichen (elterlichen) Bewusstsein, mit unterschiedlichen Aufstiegsberechtigungen der jeweiligen Schulabschlüsse und mit unterschiedlich ausgebildeten Lehrern, welche die (im Prinzip ähnlichen) Lehrpläne entsprechend ihrer universitären oder nichtuniversitären Ausbildung unterschiedlich anspruchsvoll umsetzen.

Gewiss gibt es Neue Mittelschulen (NMS), die ein ausgezeichnetes Schulklima haben und deren Lehrerkollegien nach allen Kriterien der Schulqualitätsforschung Hervorragendes leisten: Dennoch haben sie bei der Rekrutierung von leistungsbereiten Kindern aus bildungsnahen Familien gegenüber gymnasialen AHS-Unterstufen keine faire Chance und gelten insbesondere in Städten als Schulen "zweiter Wahl".

Fairness und soziale Chancengleichheit

Frau Griss meint auch, dass die Gesamtschuldebatte "viel zu ideologisiert" sei. Sie scheint dabei dem weitverbreiteten Irrtum zu unterliegen, dass das Konzept der Gesamtschule "ideologisch", das traditionelle Schulsystem hingegen "ideologiefrei" ist. Big mistake. Jede Schulorganisation ist "ideologisch", das heißt beruht auf bestimmten Werten, Visionen und wissenschaftlichen Befunden. Gegenüber der "Ideologie" bzw. den Visionen, die der Gesamtschule zugrunde liegen, sollte eine ehemalige Richterin und Aspirantin auf die Bundespräsidentschaft eigentlich keine Berührungsängste haben: Es geht um Fairness, soziale Chancengleichheit, individualisierte Förderung, die Mobilisierung der Begabungsreserven aus dem gesamten sozialen Spektrum, die effiziente Nutzung von Lehrpersonal und Schulgebäuden und um soziale Kohäsion in einer von multipler und zunehmender Segregation gekennzeichneten Gesellschaft. (Dass in einer Reihe von Ländern mit Gesamtschulsystemen diese Ziele nur unzureichend eingelöst werden, spricht nicht gegen das Gesamtschulprinzip, sondern ist Ausdruck der Erosion des "Gesamtschulischen" durch den Neoliberalismus.)

Hätte Frau Griss die Nationalen Bildungsberichte der letzten Jahre zur Kenntnis genommen, wäre sie als oberste Juristin des Landes alarmiert, wie groß in Österreich die Diskrepanz zwischen dem durch die Verfassung "garantierten" formalen "Bürgerrecht auf Bildung" und dessen mangelhafter, sozial, regional und ethnisch bedingter Nichtrealisierung tatsächlich ist.

Jedem Haserl ...

Die "Ideologie", auf der das (von Frau Griss für erhaltenswert gehaltene?) bestehende österreichische Schulsystem beruht, lässt sich, ohne allzu großen Sarkasmus, etwa so zusammenzufassen: Österreichische Kinder werden als zwei Arten geboren: als Gymnasiasten oder Nichtgymnasiasten. Gymnasiasten werden im Alter von neuneinhalb Jahren von ihren "bildungsnahen" Eltern an einer AHS-Unterstufe angemeldet, für die große Mehrheit der Nichtgymnasiasten war lange Zeit die Hauptschule und ist nunmehr die Neue Mittelschule die natürliche, wenn nicht gar gottgewollte Schulform. Jedem Haserl sein Graserl. Gymnasien haben die Aufgabe, aus ihren Kindern studierfähige Maturanten zu machen, was angeblich nur in ihrer achtjährigen Langform möglich ist. Misfits werden an die Neue Mittelschule abgeschoben.

Auf Bildungsforschung kann sich dieses aus dem 19. Jahrhundert stammende Ausleseschulsystem nicht stützen. Die moderne Entwicklungs- und Schulpsychologie geht davon aus, dass sich für die meisten Kinder im Alter von neuneinhalb Jahren keine verlässlichen Schulerfolgsprognosen treffen lassen, weil sich Begabungen und Neigungen erst nach den Turbulenzen der Pubertät konsolidieren. Dass die Hälfte aller Maturanten eine nichtgymnasiale Unterstufe besucht hat, ist kein Beweis für die Tauglichkeit des bestehenden Systems, sondern ganz im Gegenteil Armutszeugnis für die Auslese am Ende der Grundschule: Nach der (unhaltbaren) Logik des Systems hätten alle diese Kinder als "maturabel" identifiziert und in eine AHS-Unterstufe geschickt werden müssen. Zudem belegt dieser Sachverhalt, dass das Erreichen der Hochschulreife keineswegs eine achtjährige AHS-Langform erfordert, sondern dass für die meisten Kinder das Ende der Unterstufe eine Zäsur der Bildungskarriere darstellt. Die logische schulorganisatorische Konsequenz ist eine "polyvalente", sozial integrierende, begabungsgerecht differenzierende Gesamtschule.

Unfriedliche Koexistenz von drei Schulformen

Dass sich Frau Griss in Schulfragen nicht besonders gut auskennt, ist kein großes Malheur. Dass aber auch die von der Regierung eingesetzte Bildungsreformkommission keine Ahnung davon hat, dass echte Gesamtschulen nur Elemente eines alle Sekundarschulen einer Region umfassenden Gesamtschulsystems sein können, ist eine Katastrophe. Der absurde Vorschlag, 15 Prozent einer nicht genau definierten Region zu Gesamtschulen zu erklären, würde zu einer "unfriedlichen Koexistenz" von drei Schulformen, nämlich Pseudogesamtschulen, Gymnasien und NMS führen, was weder Sinn macht noch sich evaluieren lässt. So wie alljährlich das Unwort des Jahres gekürt wird, sollten "15 Prozent" zur bildungspolitischen "Unzahl" des Jahres 2015 erklärt werden. (Karl Heinz Gruber, 10.1.2016)

Karl Heinz Gruber (Jg. 1942) war Ordinarius für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.

  • Karl Heinz Gruber: gottgewollte Neue Mittelschüler?
    foto: privat

    Karl Heinz Gruber: gottgewollte Neue Mittelschüler?

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