Frankreich: Der stille Juppé steigt in die Wahlkampfarena

11. Jänner 2016, 07:00
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Laut Umfragen hätten weder François Hollande noch Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen eine Chance gegen den Expremier

Die beiden Platzhirsche der Pariser Politik würden das Rennen gerne unter sich ausmachen: Nicolas Sarkozy, Präsident von 2007 bis 2012 und aktueller Chef der Oppositionspartei Les Républicains, und der seit 2012 amtierende Staatschef François Hollande. Sie glauben beide, dass sie das Duell für sich entscheiden würden. Ohne dass sie es offen ausdrücken, geht aus ihren Stellungnahmen hervor, dass sie im Finale der französischen Königswahl am liebsten gegeneinander antreten würden. Der Expräsident will eine Revanche für seine Niederlage vor drei Jahren, der amtierende Staatschef glaubt, mit seinem rechten Widersacher wie damals fertigzuwerden.

Doch da sind auch noch die Franzosen. Und sie wollen bei den Präsidentenwahlen im nächsten Jahr weder Hollande noch Sarkozy. 74 Prozent der Befragten sagten in einer Neujahrsumfrage, sie seien gegen die Kandidatur dieser Spitzenpolitiker. Andere Kandidaten der zweiten Garnitur sind noch weniger gefragt; das gilt namentlich auch für die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die ihr heutiges Stimmenpotenzial von 30 Prozent kaum mehr entscheidend ausbauen kann. Nur einer kommt in den Umfragen überhaupt auf eine positive Mehrheit: 56 Prozent der befragten Franzosen wünschen eine Kandidatur von Alain Juppé.

Noble Zurückhaltung

Juppé, der von 1995 bis 1997 unter dem damaligen Präsidenten Jacques Chirac Premier war und heute Bürgermeister der Weinstadt Bordeaux ist, sticht damit aus dem Dutzend bereits erklärter oder künftiger Kandidatinnen und Kandidaten heraus. Und das, obwohl er die mediale Omnipräsenz anderer Wortführer scheut. Möglicherweise ist das sein Plus: Während sich die einzelnen Sozialisten und Republikaner mit ihren unsäglichen Scharmützeln vor den TV-Kameras unbeliebt machen, übt sich Juppé in nobler Zurückhaltung. Mit seinem Schweigen stellte er sich über die Tagespolitik. Und laut allen Umfragen goutieren das die Franzosen.

Jetzt steigt Juppé allerdings in die Arena. Am Boulevard Raspail in Paris weihte er bereits sein neues Kampagnenzentrum ein und gab bekannt, er werde ab sofort jede Woche eine französische Region aufsuchen. Am Mittwoch veröffentlichte er außerdem ein neues Buch mit dem Titel "Pour un État fort" (Für einen starken Staat). Darin sucht der 70-jährige Expremier das Image eines gemäßigten Bürgerlichen zu korrigieren und den rechten, von Sarkozy besetzten Parteiflügel der Republikaner anzusprechen. Er will den Familiennachzug – hauptsächlich aus Afrika – nur noch Männern erlauben, die einen Job haben. Haftstrafen über ein Jahr hinaus sollen weniger oft zur Bewährung ausgesetzt werden. Das Pensionsalter will er auf 65 erhöhen, die 35-Stunden-Woche stellt er infrage. Einen "Mann der Ordnung und der Autorität" nannte ihn daraufhin seine rechte Hand Hervé Gaymard.

"Front National pur"

Sarkozy ätzte dagegen, was Juppé von sich gebe, sei "Front National pur". Die Pariser Medien fragen sich, warum Juppé schon jetzt in die Politarena steige, statt von der Aura des "Weisen" zu profitieren. Zumal die neue Hardliner-Linie ungute Erinnerungen an Juppés Amtszeit als Premier weckt: Gegenüber einer Streikfront hatte er einst erklärt, er bleibe "droit dans mes bottes" (stramm in den Stiefeln) – bevor er einknickte.

Juppés Rechtsschwenk ist wohl taktischer Natur. Sein gefährlichster Gegner ist nicht Sozialist Hollande, sondern sein Parteifreund Sarkozy. Dieser kann sich in der Republikaner-Partei nach wie vor auf einen harten Anhängerkern stützen, der Juppé als "papy" (Opa) abtut und dessen bedächtigen, viel konsensuelleren Anti-Sarkozy-Stil belächelt.

Bis zu den Vorwahlen im November wird Juppé den Hardliner geben. Schafft er es, Sarkozy auszustechen, kann er seinen Kurs immer noch korrigieren. Dann nähme der 71-Jährige Kurs auf den Élysée-Palast: Weder Marine Le Pen noch François Hollande hätten laut Umfragen eine Chance. (Stefan Brändle aus Paris, 11.1.2016)

  • Konsenspolitiker Alain Juppé versucht eine Imagekorrektur. Vorerst bewegt er sich deutlich nach rechts.
    foto: apa / afp / regis duvignau

    Konsenspolitiker Alain Juppé versucht eine Imagekorrektur. Vorerst bewegt er sich deutlich nach rechts.

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