Sandra Weihs: Der Abgrund, ein Klischee

10. Jänner 2016, 07:00
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Plakativ und formelhaft erzählt die Autorin in "Das grenzenlose Und" vom jugendlichen Weltverdruss

"In Afrika war ich bei einem Eingeborenenstamm mitten in der Pampa", sagt eine Frau im Roman Das grenzenlose Und der 32-jährigen Sandra Weihs. Der Satz zeugt nicht nur von grenzenloser Unbedarftheit der vorgeblich weitgereisten Figur, die Gegenden zu Phrasen macht und Argentinien ohne weiteres auf einen anderen Kontinent verschiebt. Vor allem aber ist er einer der unzähligen Ausdrücke aus der Formelkiste, die diese Prosa in mühsamer Oberflächlichkeit scheitern lassen.

In den letzten paar Jahren haben auffallend viele junge Schriftstellerinnen aus Österreich interessante literarische Werke vorgelegt. Die meisten schildern die Schwierigkeiten, im Strudel heutiger Verhältnisse nicht unterzugehen, sich in wenig humanen Zuständen zurechtzufinden. Da treiben Protagonistinnen an Fassaden und dunklen Facetten der Großstadt vorbei, da mühen sie sich in der Arbeitslosigkeit und wegen fehlender Perspektiven ab, da flüchten sie in den Wald oder es steht gar der Weltuntergang an.

Distanz der Klischees

Auch bei Sandra Weihs ist das Dasein eine Mühsal ohne bessere Aussichten. Im Präsens bringt das eine Ich-Erzählerin nahe, ohne dass sie einem nahezugehen vermag. Denn die Erzählhaltung, die auf geringe Distanz abzielt, verbleibt in der Distanz der Klischees.

Marie ist 18, sie muss in einer sozialpädagogischen WG leben, da sie als "selbstmordgefährdet" gilt. Immer wieder ritzt sie sich tiefe Wunden, "schneidet sich ins eigene Fleisch", um "das Böse herausbluten zu lassen". Von den Eltern war sie vernachlässigt und gezüchtigt worden. Die Menschen, mit denen sie zusammenkommt, sind kaum besser dran.

Ihrer Freundin stirbt die Mutter an Krebs weg, beim Therapeuten lernt Marie Emanuel kennen, den ein Gehirntumor fertigmacht. Sinnigerweise erwählt sie sich Ciorans Vom Nachteil, geboren zu sein zur Lektüre, in der Bar mit den namensüblichen Insassen Jonny, Babsi und Sissi hört sie den Song Highway to Hell. Und als sie mit Emanuel nach Hause geht, wohnt der bei seiner Oma, einer früheren Puffmutter, im ehemaligen Bordell.

Geht's noch plakativer? Doch, es geht: In der Bar zitiert ein Halblustiger "Wenn einer stirbt, er den anderen die Stimmung verdirbt".

Mühsame Simplizität

Mit Emanuel will sich Marie gemeinsam umbringen. Folglich führen sie langwierig langweilige Gespräche über den Unsinn des Lebens und über das Sterben. Sie sind nicht origineller als die um Effekt bemühten Dialoge mit dem Therapeuten, in einigen Passagen gar von mühsamer Simplizität: "Deine Beschreibung passt auf mich. Ich bin normal." "Du bist nicht normal." "Ist das ein Kompliment?" "Ja." "Und wer sind die Normalen?" Die Antwort lautet: "Alle irgendwie." Die Normalität als allgemeines Irgendwie, die Existenz auch, wie die Jonnys und Babsis wissen: "Wer sucht nach dem Sinn des Lebens, der sucht lange und vergebens."

Zwar soll das Spruchzitat wohl ironisches Flair einer Bar-Belustigung bringen. Es unterscheidet sich jedoch im Grunde wenig vom Phrasengerüst des Romans, das die Klagen in Leerformeln setzt: "Wie ungerecht das Leben doch ist", "Die Kleinen sind die Mistkübel der Großen", "jeder verheimlicht etwas". Im besseren Fall fühlt sich Marie nach einem "Quikie auf dem Klo" einfach "wie eine Königin", denn Jonny "versteht es, einer Frau zu geben, was sie braucht". Den miserablen Satz konkretisiert ein weiterer schlechter Satz: "Dann vögeln wir lang und laut."

Da klingt es sogar konsequent, wenn diese Ich-Erzählerin meint "Mut spiegelt sich im Äußeren einer Person" und vom äußeren Schein auf innere Vorgänge schließt. Gleich im ersten Absatz blickt die Betreuerin "zufrieden", und jedes Mädchen "strahlt auf ihre Art eine gewisse Kaputtheit aus, gut kaschiert unter Make-up" (wie geht das: ausstrahlen und zugleich kaschieren?).

Naive Gesellschaftsdiagnosen

Sandra Weihs häuft Klischees von Gefühlsausdrücken an. Es wird geschmunzelt und "verschmitzt gegrinst", Tränen "schießen in die Augen", man zieht "skeptisch die Augenbrauen hoch", "rauft sich die Haare". Dazu der Therapeut: "Die Welt braucht Menschen, die fühlen."

So lässt sich nicht in die Tiefe der Abgründe vordringen, so bleiben auch die Gesellschaftsdiagnosen naiv: "Niemand zeigt sein Innerstes, niemand ist authentisch, mit allen Konsequenzen, und das lässt einfach keine Veränderung zu. Alles ist Schein, Konformität." Authentisch klingt dieser Roman nicht, er schildert auch keine Charaktere, sondern führt Typen vor. Entsprechend simpel erklärt sich der Titel. Die Welt sei "ein Dazwischen", es gebe "gut UND schlecht", vor allem das Und: "Und das ist grenzenlos."

Angesichts dieses Romans mag man sich wieder einmal zustimmend daran erinnern, dass vor zwei, drei Jahren eine Büchner-Preisträgerin gegen die gängige Prosa in kurzen Präsenssätzen aus der Ich-Perspektive wetterte. Das Buch von Sandra Weihs, das kürzlich immerhin den Jürgen-Ponto-Preis erhielt, führt leider vor, dass derart die Abgründe und Mühen in unserer Welt zu Phrasen und Klischees vereinfacht erscheinen. (Klaus Zeyringer, Album, 11.1.2016)

Sandra Weihs, "Das grenzenlose Und". Roman. EURO 20,50 / 187 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2015

  • Von der Schwierigkeit, im Strudel heutiger Verhältnisse nicht unterzugehen: Sandra Weihs.
    foto: theresa pewal

    Von der Schwierigkeit, im Strudel heutiger Verhältnisse nicht unterzugehen: Sandra Weihs.

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