Gerangel um die politische Mitte

Kommentar8. Jänner 2016, 18:57
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Bisher fehlt ein Kandidat, dem man zutraut, frischen Wind in die Hofburg zu bringen

Schön langsam lichten sich die Reihen der potenziellen Kandidaten für die Hofburg: Alles Betteln und Flehen Richtung St. Pölten hat nichts genützt, Erwin Pröll bleibt bei seiner Lebensplanung – und die heißt Niederösterreich. Dabei wäre ihm "die Partei zu Füßen gelegen", meinte Andreas Khol.

Das klang schon nach zu dick aufgetragen. Am Freitagnachmittag hieß es dann, dass der 74-jährige ehemalige Nationalratspräsident selbst ins Rennen um die Hofburg geschickt werden soll. Wenn das am Sonntag in den Parteigremien so beschlossen wird, zeigt das, wie wenig präsidiale Kandidaten die ÖVP hat, wenn tatsächlich der Seniorenbund-Chef in die Wahlkampf-Arena steigen muss.

Mit seiner Absage hat Pröll nicht nur in den eigenen Reihen für Überraschung gesorgt. Alle, die sich in den vergangenen Wochen voll des Lobes über den obersten Niederösterreicher geäußert haben und nicht von dessen Entscheidung informiert waren, müssen sich düpiert fühlen. Wer aber von der bereits vor Weihnachten kundgetanen Lebensentscheidung wusste und dennoch Pröll Rosen streute, setzte auf dessen Eitelkeit. Beide Varianten sind blamabel. Dem echten Kandidaten hängt an, zweite Wahl zu sein.

Mit ihren öffentlichen Bitten, er möge nur ja antreten, waren die Grünen erfolgreicher: Alexander Van der Bellen hat sich endgültig zu einer Bewerbung durchgerungen. Da Irmgard Griss ihre Kandidatur via Videobotschaft bekanntgab, wollte auch der 71-jährige Professor den Wahlkampf ähnlich hip angehen und brachte via Youtube-Video, Twitter und Facebook die Kunde in die Welt. Das macht aus ihm noch keinen flotten Bewerber.

Der weitere Verlauf des Wahlkampfs wird zeigen, ob Van der Bellen wirklich in die Hofburg strebt oder insgeheim hofft, dass er nach dem 24. April wieder seine Ruhe hat. Denn übermäßig motiviert und inspiriert wirkte Van der Bellen bei dieser Bewerbung nicht.

Dass er zur Überraschung vieler vor kurzem zum zweiten Mal geheiratet hat, war schon ein Indiz für seine Kandidatur. Der Wirtschaftsprofessor vermag auch bürgerliche Wählerinnen und Wähler anzusprechen. Das ist einerseits die "Caritas-Fraktion", die ohnehin schon bei den Grünen ihre politische Heimat gefunden hat, aber es sind auch eingefleischte ÖVPler, für die der stets bedächtig formulierende Volkswirt eine wählbare Alternative ist. Van der Bellen war von 1997 bis 2008 Bundessprecher der Grünen. Dass er sich nun als unabhängiger Kandidat präsentiert, ist nicht glaubwürdig.

Für Griss ist er jedenfalls eine ernsthafte Konkurrenz. Sie spricht dezidiert konservative Kreise an und hat die Unterstützung der steirischen Industriellen – auch finanziell. Ihr Vorteil gegenüber Van der Bellen ist, dass sie diejenigen am stärksten anspricht, die politikerverdrossen sind. Anders als Van der Bellen vermittelt Griss, die heuer 70 Jahre wird, den Eindruck, unbedingt in die Hofburg zu wollen. Ihre Neujahrsansprache wirkte wie eine ehrgeizige Anmaßung.

Damit gibt es ein Gerangel in der politischen Mitte. Ob sich die FPÖ diesen Wahlkampf spart, wird sie sich gut überlegen. Bei der SPÖ gilt Rudolf Hundstorfer – mit 64 ein Jungspund – als aussichtsreichster Kandidat. Die Sozialdemokraten könnten noch einen echten Überraschungseffekt erzielen mit einer – auch jüngeren – Person, der man zutraut, tatsächlich frischen Wind in die Hofburg zu bringen. (Alexandra Föderl-Schmid, 8.1.2016)

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