Antigewaltexpertin für Pflichtschulungen in Frauenrechten

8. Jänner 2016, 20:42
647 Postings

Nach den Vorkommnissen von Köln plädiert Frauenhäuser-Geschäftsführerin Maria Rösslhumer für neuen integrationspolitischen Fokus

Wien – Nach den Massenübergriffen auf Frauen in Köln und Hamburg sowie in geringerem Ausmaß in Salzburg und Wien sieht die Geschäftsführerin des Vereins Autonomer Österreichischer Frauenhäuser, Maria Rösslhumer, "gewaltige Herausforderungen" auf die betroffenen Gesellschaften zukommen.

Laut deutscher Polizei stammten viele der angreifenden Männer aus arabischen und Nahost-Staaten – wie sie im Zuge der starken Fluchtbewegung wohl auch künftig zahlreich nach Europa kommen werden. Um weitere Vorfälle wie zu Silvester hintanzuhalten "und den Fremdenhass nicht noch weiter zu stärken", müsse daher – neben Polizeimaßnahmen – "die Vermittlung von Frauenrechten ein Schwerpunkt der Integrationspolitik werden", sagt die Anti-Gewalt-Expertin zum STANDARD.

"Informationen über herrschende Gesetze"

Konkret müssten Migranten und Asylsuchende in Workshops von Flüchtlingshilfsgruppen und Männerberatungssstellen, bei Deutschkursen sowie Veranstaltungen von Einwanderer-Communities und Religionsgemeinschaften "erfahren, welche Rechte Frauen in Europa haben" . Dabei sollten "nicht sogenannte Werte sowie Verhaltensregeln, sondern Informationen über Rechtsstaat und herrschende Gesetze" vermittelt werden.

Dies sei nicht zuletzt "ein wichtiger Auftrag an Integrationsminister Sebastian Kurz", betont Rösslhumer. Die Schulungen müssten "verpflichtend" sein, um Wissensdefizite wirkungsvoll zu beseitigen.

Erfahrung mit Tschetschenien-Flüchtlingen

Dass Verpflichtung nötig sei, habe man im Umgang mit tschetschenischen Familien erkannt, die zwischen 2005 und 2010 nach Österreich kamen. In etlichen Familien habe es starke Gewalt gegen Frauen und Kinder gegeben. Dagegen habe man punktuell rechtliche Mittel wie Wegweisungen eingesetzt – samt Erläuterung an die Männer, "wie die gesellschaftlichen Regeln sind, die in Österreich gelten".

Auch viele der jetzigen mutmaßlichen Aggressoren stammten "aus sehr patriarchalen Ländern, wo Frauenrechte noch nicht gelebt werden", betont die Expertin. Aus Gesellschaften kommend, "in denen Frauen in der Öffentlichkeit verschleiert sind, in denen sie ihnen nicht die Hand geben oder in die Augen schauen", würden sie in Europa "testen, wie weit sie Frauen gegenüber gehen können", meint Rösslhumer.

"Wie unsere Großväter"

Diese Männer würden Einstellungen mitbringen, "wie sie in Europa unsere Großväter und Väter hatten". Doch im Unterschied zu diesen seien sie mit einer anderen Realität konfrontiert: mit Frauen, die ihr Recht auf Bewegungsfreiheit in der Öffentlichkeit bei Tag und bei Nacht selbstverständlich in Anspruch nehmen.

Diese Selbstverständlichkeit gelte es, gegen die Angriffe mancher dieser Männer zu erhalten. Aber auch gegen Aufrufe, abends künftig nur mehr in Begleitung auf die Straße zu gehen, wie sie vom Wiener Polizeipräsidenten Gerhard Pürstl kamen – Rösslhumers Kommentar dazu: "Hier kann man sehen, wo wir in Sachen Frauenrechte in Österreich zum Teil wirklich stehen." (Irene Brickner, 9.1.2016)

  • So sah es am Silvesterabend vor dem Kölner Hauptbahnhof aus.
    foto: dpa/markus böhm

    So sah es am Silvesterabend vor dem Kölner Hauptbahnhof aus.

  • Maria Rösslhumer: "Auftrag an Sebastian Kurz".
    foto: regine hendrich

    Maria Rösslhumer: "Auftrag an Sebastian Kurz".

Share if you care.