Ein (Feier)tag, der die bosnischen Bürger spaltet

9. Jänner 2016, 09:03
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Laut Verfassungsgericht darf die Gründung der Republika Srpska künftig nicht mehr am 9. Jänner gefeiert werden

Unzählige rot-blau-weiße Flaggen der Republika Srpska zieren den kalten, klaren Winterhimmel in Pale. Pale liegt nur wenige Kilometer von Sarajevo entfernt – doch zwischen der bosnischen Hauptstadt und dem Almort, in dem der Führer der bosnischen Serben Radovan Karadžić im Krieg regierte, liegen Welten. "Ja, natürlich ist der Tag der Republika Srpska wichtig für mich", sagt eine ältere Dame, die in einem violetten Mantel durch den Schnee stapft.

Die Republika Srpska (RS) wurde am 9. Jänner 1992, also noch vor dem Krieg, gegründet. 1995 wurde der bosnische Landesteil, in dem während des Kriegs Nicht serben systematisch vertrieben oder ermordet wurden, im Friedensabkommen von Dayton anerkannt. Die RS hat nicht nur weitgehende Autonomierechte, sondern gilt für national gesinnte Serben auf dem gesamten Balkan als die einzige Siegeserrungenschaft der Kriege, zumal man im Kosovo und in Kroatien verloren hat. Der "Tag der Republika Srpska" wird jedes Jahr in Banja Luka pompös gefeiert. Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irenej ist auch heuer dabei, sowie der russische Botschafter. Und auch der serbische Premier Aleksandar Vučić reist an.

"Testament der Freiheit"

Doch dieses Jahr ist der Feiertag heikel. Denn das bosnische Verfassungsgericht hat auf Bestreben bosniakischer Politiker im November entschieden, dass der Landesteil an einem anderen Tag gefeiert werden muss, weil sich mit dem 9. Jänner nur Serben, aber keine Bosniaken oder Kroaten identifizieren können. Innerhalb von sechs Monaten muss ein neuer Tag gefunden werden. Tatsächlich ist der 9. Jänner 1992 für viele Bosniaken und Kroaten alles andere als ein Tag der positiven Erinnerungen.

Die mehrheitlich von Serben besiedelte Region wurde damals abgespalten. Viele Serben wollten nicht Bürger des neuen Staates Bosnien-Herzegowina werden – und die allermeisten wollen das bis heute nicht. Das jüngste Urteil des Verfassungsgerichtshofs hat jedoch das Gegenteil von dem bewirkt, was angestrebt wurde. Selbst moderate bosnisch-serbische Politiker machten die Reihe dicht und betonen unisono, dass sie niemals ihren Feiertag am 9. Jänner aufgeben würden.

Die Feier mit dem Namen "Das Testament der Freiheit" beginnt am Samstag mit einer Liturgie in der Kathedrale, danach treten Volksmusiksänger auf. Milorad Dodik, Präsident der RS, sagte bereits im Vorfeld, dass die RS 1992 "als Staat" gegründet worden sei und man weiter ihren "Staatscharakter" ausbauen werde. Junge Anhänger seiner Partei verschicken Postkarten mit dem Slogan "Die RS feiert noch immer". In Pale wird eine Ausstellung zur Gründung der RS eröffnet. Und die Gruppe "Studenten für die Wahrheit" hat eine Kampagne zur "Verteidigung" des "Tages der RS" gestartet. Pale gehört zur Gemeinde Ostsarajevo. Hier findet nun im "Park Gavrilo Princip" ein Konzert statt. Den zwei Mädels, die die Fußgängerzone in Pale hinunterspazieren, ist der "Tag der RS" zwar egal, aber auf dieses Konzert freuen sie sich.

EU setzt auf Vučić

Von den Bosniaken wird indes Vučićs Besuch als Provokation gesehen, weil sie damit Dodiks Widerstand gegen das Verfassungsgericht gestärkt sehen. Vučić betont, dass Serbien die territoriale Integrität Bosnien-Herzegowinas nicht gefährden wolle. Er ist für die EU als Ansprechpartner wichtig. Kürzlich konnte man nur durch Vučićs Intervention erreichen, dass Dodik seine Drohung zurückzog, die gemeinsame bosnische Polizei und Justiz zu verlassen. Dodik hatte sich Anfang Dezember so über eine Razzia der bosnischen Sonderpolizei Sipa in einigen Orten in der RS geärgert, dass er quasi das Ende des gemeinsamen Staates vollziehen wollte.

Dodik wird sicher weiter die gemeinsame Justiz bekämpfen. In ter essant ist, dass die Sipa kürzlich eine Bank untersuchte, die eine Transaktion von Dodik über 750.000 Euro an ein serbisches Konto durchgeführt hatte. Dodik hatte dafür eine Immobilie in Belgrad gekauft. Die Staatsanwaltschaft spricht von Geldwäsche. (Adelheid Wölfl aus Pale, 9.1.2016)

  • Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irenej und der Präsident des bosnischen Landesteils Republika Srpska (RS), Milorad Dodik (Mitte), bei den Feiern zum "Tag der Republika Srpska" vor zwei Jahren in Banja Luka.
    foto: ap / radivoje pavicic

    Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irenej und der Präsident des bosnischen Landesteils Republika Srpska (RS), Milorad Dodik (Mitte), bei den Feiern zum "Tag der Republika Srpska" vor zwei Jahren in Banja Luka.

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