Suche nach dem Fingerabdruck der Atombombe

8. Jänner 2016, 17:27
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Nordkorea: Gegen angebliche Wasserstoffbombe sprechen seismische Messungen

Wien – Während Südkorea Freitagfrüh seine Propagandabeschallung als Antwort auf Nordkoreas Nukleartest startete, verhärten sich weiter die Hinweise, dass die angeblich am Mittwoch getestete Wasserstoffbombe keine war. Physikalische Messungen sprechen gegen die Behauptungen des Regimes, tatsächlich eine solche gezündet zu haben. Nach den jüngsten Berechnungen der Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO) mit Sitz in Wien wurde die Stärke der Explosion noch einmal nach unten korrigiert und beziffert die Magnitude auf 4,85.

"Keine Wasserstoffbombe"

Laut Helmuth Böck, Dozent am Atominstitut der Technischen Universität Wien und ehemaliger Leiter des dortigen Forschungsreaktors, kann durch diese seismischen Messungen Nordkoreas Behauptung, eine Wasserstoffbombe gezündet zu haben, ausgeschlossen werden: "Dieser letzte Explosionsversuch war definitiv keine Wasserstoffbombe", sagte Böck am Freitag zum STANDARD.

Das Grundprinzip einer Wasserstoffbombe basiert auf einem zweistufigen Prozess: Zunächst wird eine kleine Atombombe gezündet, diese löst dann eine Kernverschmelzung aus – jenen physikalischen Prozess, der auch im Inneren der Sonne stattfindet. Dadurch ist die Wirkung der Wasserstoffbombe "50- bis 200-fach" stärker als die einer konventionellen Atombombe, sagt Böck. Das ist auch der Grund dafür, warum es "praktisch keine kleinen Wasserstoffbomben gibt". Laut Böck kann die am Mittwoch registrierte Explosion daher entweder von einer konventionellen Atombombe stammen oder das Zeugnis einer misslungenen Zündung einer Wasserstoffbombe sein.

Netzwerk aus 300 Messstationen

Die CTBTO verfügt weltweit über ein Messnetzwerk von rund 300 Stationen, die im Datenzentrum in Wien zusammengeführt werden. Neben seismischen Daten werden auch radioaktive Stoffe gemessen. Selbst bei unterirdischen Sprengungen können durch Spalte im Gestein Radionuklide in die Atmosphäre dringen. "Diese sind wie ein Fingerabdruck der Bombe", sagt Böck. Er rechnet damit, dass es in einer Woche radioaktive Messungen geben könnte, die Aufschluss darüber erlauben, um welche Art von Atombombe es sich beim Nukleartest gehandelt hat.

Obwohl das Grundprinzip von Wasserstoffbomben seit den 1950er-Jahren bekannt ist und erfolgreich getestet wurde, gilt ihre Konstruktion als ungleich anspruchsvoller als die einer Atombombe, denn die Kernverschmelzung wird erst bei Millionen Grad ausgelöst. Böck: "Das ist technisch sehr kompliziert, Nordkorea ist das derzeit nicht zuzutrauen." (Tanja Traxler, 8.1.2016)

  • In Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ließ das Regime Menschen tanzen – aus angeblicher Freude über den erfolgreichen Atomtest. Doch nicht nur die wahre Freude der Nordkoreaner steht in Zweifel, auch an die Angaben des Regimes, es habe sich um eine Wasserstoffbombe gehandelt, scheinen sich nicht zu bestätigen.
    foto: reuters

    In Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ließ das Regime Menschen tanzen – aus angeblicher Freude über den erfolgreichen Atomtest. Doch nicht nur die wahre Freude der Nordkoreaner steht in Zweifel, auch an die Angaben des Regimes, es habe sich um eine Wasserstoffbombe gehandelt, scheinen sich nicht zu bestätigen.

  • In Reaktion auf Nordkoreas Atomtest nahmen südkoreanische Soldaten Lautsprecher an der Grenze der beiden koreanischen Staaten in Betrieb. Sie beschallen den Norden mit südlicher Propaganda.
    foto: reuters

    In Reaktion auf Nordkoreas Atomtest nahmen südkoreanische Soldaten Lautsprecher an der Grenze der beiden koreanischen Staaten in Betrieb. Sie beschallen den Norden mit südlicher Propaganda.

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