David Bowie: Und New Yorks Himmel hängt voller Saxofone

8. Jänner 2016, 16:57
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Einer der größten Popstars der Welt überrascht mit einer tiefenentspannten Platte, die – vielleicht – das Ende einer ruhelosen Suche markiert. David Bowie hat auf "Blackstar" in seinem siebzigsten Jahr Halt gefunden. Das Album ist obendrein ein Ohrenschmaus

Wien – Der älteste Witz, den man sich über David Bowie erzählt, ist weit über 30 Jahre alt. Er taucht verlässlich immer dann auf, wenn ein neues Album von ihm erscheint. Dementsprechend lustlos klingt die x-te Wiederholung. Die jeweils neue Platte Bowies sei "die Beste seit 'Scary Monsters'" (erschienen 1980). Soeben ist "Blackstar" herausgekommen. Nichts hat sich verändert. "Blackstar", pünktlich am 69. Geburtstag am 8. Jänner veröffentlicht, ist Bowies beste Platte seit "Scary Monsters". Nichts hat sich verändert. Alles ist wieder einmal anders.

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Bis zu Bowies Herzinfarkt 2004 glich die Karriere des Wahl-New-Yorkers einem Sputnikflug. Leider funktionierten die Bordinstrumente nicht mehr richtig. Lief die Reise passabel, zitierte sich der "Thin White Duke" selbst. Das durfte er natürlich, er war schließlich "Ziggy Stardust" gewesen, "Aladdin Sane" oder auch nur der koksbleiche Wiedergänger von Marlene Dietrich. Er hatte die Berlin-Trilogie (1977–1979) als tönendes Requiem auf die in Stacheldraht gewickelte Moderne hinterlassen. Was war passiert? Plötzlich nervte er gutgelaunt und tadellos geföhnt mit Drum and Bass. Oder er klebte Textfitzel aneinander, die der Computer stellvertretend für ihn ausspuckte. Bowie? Schien verloren und passé.

Irgendwann musste eine Bruchlandung passiert sein. Der Mann, der sprichwörtlich "vom Himmel gefallen" war, glich mehr und mehr einem kultivierten "English Man in New York". Die gesundheitliche Krise tat ein Ihriges. Bowie leistete sich Kunst als kostspieliges Hobby. Er macht Bands wie den längst vergessenen TV on the Radio seine höfliche Aufwartung. Er glich einem guten Onkel, der so viel Zaster besaß, dass er niemals wieder arbeiten musste. Den Nachgeborenen tätschelte er gönnerhaft die Wange.

Gesang der Triebwerke

Es waren für Bowie-Fans peinigende Jahre. Man durfte höchstens hoffen, Bowie würde noch einmal ein Album mit Swing-Standards aufnehmen. David Jones' (so der bürgerliche Name) Liebe zum Jazz gilt als verbürgt. In den 1960er-Jahren erlernte er in London sogar das Saxonfonspiel bei Ronnie Ross. Wer sich die zweite Seite des "Heroes"-Albums anhört, kann Bowie unter anderem auf "V-2 Schneider" tröten hören. Es ist, als begännen die Triebwerke unheildrohender Raketen auf eigene Faust zu singen.

Nichts hat sich verändert, doch alles ist wieder einmal anders. Nach den formelhaften Beschwörungen seiner Karriere auf "Next Day" (2013) hat der Endsechziger das Ruder spektakulär herumgerissen. Bowie bat junge Jazzmusiker ins Studio. An gute Zeiten, schlechte Zeiten erinnert allein der Umstand, dass Tony Visconti wieder für die Produktion verantwortlich zeichnet.

Bowie singt also von der "Villa of Ormen", in der mutterseelenallein eine Kerze flackert. Nie hat sein herrlicher Bariton weicher geklungen, vom Tabak entlüftet, an den Klagegesängen seines Vorbildes Scott Walker geschult.

Bald schon versinkt diese Stimme in einem Meer aus Synthesizerharmonien. Ganz entgegen den zahlreichen Vorausmeldungen ist "Blackstar" nämlich kein Jazzalbum geworden. Eher schon zeigt sich die Studioband rund um Saxofonist Donny McCaslin versiert in neumodischer Bassmusik. Es gilt das alte Kosmonauten-Wort: "Dunkel ist der Weltraum, Genossen, sehr dunkel!" Manche der sieben Titel lassen an "Lodger" denken. Damals ließ sich Bowie von Eno und Carlos Alomar dicke Klangteppiche legen, um trockenen Fußes den Pflasterstrand von Berlin-Kreuzberg zu queren.

Stimmen und Cluster

Man hört auch jetzt ein Gewirr aus Stimmen und Clustern, aus harten Gitarren, aus vielen, vielen Saxofonen. Aus diesem schält sich die Stimme eines Beschwörers heraus, der als "Lazarus" über dem Big Apple schwebt.

Die letzte Verwandlung Bowies ist die schwerste: "You know I'll be free / just like that Bluebird". Wer sich zu sagen getraute, Bowie sei "angekommen", der würde Gelächter ernten. Wo soll sich jemand niederlassen, dessen Aufgabe es seit jeher gewesen ist, unterwegs zu sein, stellvertretend für uns alle?

Nichts hat sich verändert, alles ist wieder einmal anders. "Blackstar" erzählt in sieben (Song-) Rätseln vom Wegfall des Drucks, David Bowie sein zu müssen. Zuletzt hatte man alle seine Schmetterlingslarven und Außerirdischenkostüme in den Kunsthallen der westlichen Welt ausgestellt. Jetzt schwebt seine an den Rändern brüchige Stimme angstfrei über entspannten Midtempo-Nummern wie "I Can't Give Everything Away" dahin. Die Frage lautet: Was darf jemand behalten, um weiterhin David Bowie zu sein? "Blackstar" ist übrigens Bowies bestes Album seit "Scary Monsters". (Ronald Pohl, 8.1.2016)

  • David Bowie, gelöst und ohne Kostümierungen. Am Freitag feierte das Pop-Chamäleon seinen 69. Geburtstag. Über 140 Millionen Tonträger hat der Brite im Lauf seiner Karriere verkauft, mit dem neuesten beschenkte er auch sich selbst.
    foto: jimmy king

    David Bowie, gelöst und ohne Kostümierungen. Am Freitag feierte das Pop-Chamäleon seinen 69. Geburtstag. Über 140 Millionen Tonträger hat der Brite im Lauf seiner Karriere verkauft, mit dem neuesten beschenkte er auch sich selbst.

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