Hütter: "Ich denke eher zu wenig nach als zu viel"

Interview8. Jänner 2016, 17:01
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Cornelia Hütter ist nicht verkopft. Vielleicht ist sie auch deshalb Österreichs schnellste Skifahrerin. Der Sieg fehlt der Steirerin noch. In Zauchensee kann sie das ändern

STANDARD: Sie waren in dieser Saison schon Zweite, zweimal Dritte und Vierte. Jetzt kommt Zauchensee. Premierensiege dürfen ja auch in der Heimat passieren.

Hütter: Das würde gut passen. Am Donnerstag hat es mir im Training ein bisschen die Grenzen aufgezeigt, als ich gestürzt bin. Aber ich fahre grundsätzlich gut. Warum sollte der Sieg nicht passieren? Erzwingen kann man es aber nicht.

STANDARD: Liegt Ihnen die Sprintabfahrt in zwei Läufen?

Hütter: Schwer zu sagen, ich bin noch keine gefahren. Aber im Prinzip heißt es nur zweimal statt einmal runterzufahren – und ein bisschen kürzer.

STANDARD: Abfahrt oder Super-G – wo rechnen Sie sich die besseren Chancen aus?

Hütter: Es hat in diesem Winter in beiden Disziplinen gut funktioniert. Es war das Ziel, dass ich in der Abfahrt das zeige, was ich im Super-G in der Vorsaison schon gezeigt habe. Warum soll es nicht im Super-G und in der Abfahrt gut gehen?

STANDARD: Dieser Winter ist Ihr bisher bester. Gibt es spezielle Gründe dafür?

Hütter: Der Sommer war gut. In Chile haben wir super trainiert. Auch auf dem Materialsektor ist viel weitergegangen. Die vergangene Saison war zwar gut, aber deswegen bin ich nicht auf der faulen Haut gelegen. Es ist schneller vorbei, als man glaubt. Auch jetzt kann ich mir nichts mehr davon kaufen, was ich im Dezember erfahren habe. Es fängt wieder bei null an.

STANDARD: Mit Lindsey Vonn haben Sie eine fast übermächtige Konkurrentin. Ist das eher motivierend oder demoralisierend?

Hütter: In Lake Louise war sie definitiv eine Klasse vor uns anderen. Aber die langgezogenen Kurven dort liegen ihr einfach. In Zauchensee gibt es etwas engere Kurven. Das muss sie auch erst einmal runterbringen. Nur weil sie Lindsey Vonn ist, heißt es nicht, dass sie automatisch gewinnt.

STANDARD: Schaut man sich Dinge von ihr ab?

Hütter: Ja, Videos schaut man schon. In letzter Zeit haben wir oft Vonn angeschaut, weil sie oft die Schnellste war.

STANDARD: Sie sind jetzt die Nummer eins im österreichischen Speedteam. Spüren Sie verstärkten Druck?

Hütter: Ich will mir keinen Druck machen. Sicher werde ich oft darauf angesprochen. Aber ich versuche das nicht an mich heranzulassen. Es kann so schnell gehen, dass wieder andere vorn sind. Für mich ändert sich nichts, weil ich in den letzten Rennen die beste Österreicherin war.

STANDARD: Anna Fenninger fehlt verletzungsbedingt. Wird Ihnen nun mehr Aufmerksamkeit zuteil?

Hütter: Ja, es ist schon mehr. Aber das gehört auch zum Job. Ob ich jetzt mit zwei oder drei Leuten rede, macht das Kraut auch nicht fett.

STANDARD: Stehen Sie gerne in der Öffentlichkeit?

Hütter: Früher hat mir das überhaupt nicht getaugt. Aber da bin ich hineingewachsen. Es geht ja immer nur ums Gleiche: das Skifahren. Und das mache ich jetzt schon seit einer Weile. So richtig in die Öffentlichkeit dränge ich mich nicht. Ich bin schon froh, wenn ich meine Ruhe habe.

STANDARD: Wenn ich 100 Österreicher fragen würde: "Kennen Sie Cornelia Hütter?", wie viele, glauben Sie, würden Ja sagen?

Hütter: Kommt darauf an, ob es Skifanatiker sind oder Antisportler. 20? 30?

STANDARD: War es für Sie immer klar, dass Sie Abfahrerin werden wollen?

Hütter: Eigentlich schon. Riesentorlauf taugt mir auch, aber der Slalom war nie wirklich meins. Ich bin zu Schülerzeiten auch Slalom gefahren, aber so richtig mit Herz und Seele war ich nie dabei. Ich glaube, Super-G und Abfahrt liegen mir schon besser.

STANDARD: Was ist so faszinierend daran, mit 100 km/h einen Berg hinunterzufahren?

Hütter: Wenn man in der Hocke drinpickt und spürt, wie der Wind an einem vorbeibraust – das ist ein cooles Gefühl. Auch das Adrenalin und der gewisse Kick, wenn man am Start steht. Man muss einen gesunden Respekt haben, aber keine Angst. Man weiß, dass man hundertprozentig riskieren muss. Aber wenn man 110 Prozent gibt, liegt man draußen.

STANDARD: Der Abfahrtssport birgt auch Gefahren. Das haben Sie nicht zuletzt am Donnerstag bei ihrem Trainingssturz gemerkt. Muss man das ausblenden, wenn man am Start steht?

Hütter: Ja. Wenn man daran denkt, kann man gleich mit dem Lift runterfahren. Wenn man Angst hat, wird man passiv, dann hat man schon verloren. Wenn man zu 100 Prozent von sich überzeugt ist, dann hat man die nötige Körperspannung. Dann ist es auch sicherer.

STANDARD: Könnten Sie sich vorstellen, den Airbag zu tragen?

Hütter: Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde ich ihn auf jeden Fall probieren.

STANDARD: Vor fünf Jahren hatten Sie nach einem Sturz im Europacup-Super-G in Lelex in der Schweiz Ihre bisher schwerste Verletzung. Sie hatten einen Innenbandriss samt Meniskus- und Knorpeleinriss im Knie. Inwiefern hat Sie die Verletzung geprägt?

Hütter: Es war keine so schlimme Verletzung, aber es war trotzdem nicht so cool. Es hat mich schon sehr belastet. Ich war davor zweimal Dritte bei der Junioren-WM. Aber Verletzungen gehören einfach dazu. Es hat mir gezeigt, dass ich mich körperlich entwickeln muss, damit ich von der Muskulatur her so geschützt bin, dass nicht gleich etwas reißt oder bricht.

STANDARD: Sind Sie eine verkopfte Sportlerin?

Hütter: Gar nicht. Ich denke eher zu wenig nach als zu viel.

STANDARD: Man sagt, aus Niederlagen lernt man am meisten. Aus welcher Niederlage haben Sie am meisten gelernt?

Hütter: Es ist schwierig, eine herauszupicken. Ich bin immer Vollgas gefahren und oft in der Garage gestanden. Ich habe einfach nicht ins Ziel gebracht, was ich mir vorgenommen habe. Dann habe ich einmal probiert, schön runterzufahren, ohne Fehler. Aber das bringt auch nichts. Man muss alles geben. Sicher fällt man ein paar Mal hin, und es wirft einen zurück. Aber das braucht es auch, damit man wieder weiß, was wirklich zählt und worauf man schauen muss.

STANDARD: Kann man auch aus Siegen lernen?

Hütter: Sicher. Siege sind immer schön. So viele hatte ich noch nicht in meiner Karriere, also kann ich noch nicht so gut mitreden. Aber das wäre, glaube ich, schon eine coole Erfahrung. (Birgit Riezinger, 8.1.2016)

Cornelia Hütter (23) aus Kumberg (Steiermark) debütierte im Dezember 2011 im Skiweltcup. Viermal landete die Speedspezialistin in den Top drei, davon dreimal in diesem Winter. Bei der WM 2015 wurde sie Vierte im Super-G.

  • Cornelia Hütter fährt bislang ihre beste Saison. In den Speed-Disziplinen war sie nie schlechter als Vierte.
    foto: ap/mcintosh

    Cornelia Hütter fährt bislang ihre beste Saison. In den Speed-Disziplinen war sie nie schlechter als Vierte.

  • Hütter: "Wenn man in der Hocke drinpickt und spürt, wie der Wind an einem vorbeibraust – das ist ein cooles Gefühl."
    foto: afp/desmazes

    Hütter: "Wenn man in der Hocke drinpickt und spürt, wie der Wind an einem vorbeibraust – das ist ein cooles Gefühl."

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