Ein Silvester mit langen Schatten

Kommentar der anderen8. Jänner 2016, 17:01
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Ein Jahreswechsel in Paris vor 14 Jahren: Schon damals war vieles von dem offenbar, was heute auch anderswo unübersehbar und unleugbar ist. Ein Stimmungsbericht und ein paar Überlegungen

Es ist der 31. 12. 2001: per Metro in Richtung Champs-Élysées gefahren, kurz vor 24 Uhr auf der Place Clemenceau angekommen und an die von Christbaumreihen nach beiden Seiten hin beleuchtete Oberfläche. Auf dem Platz stehend oder die Avenue hinauf zum Arc de Triomphe oder hinunter zur Place de la Concorde schlendernd, sind hier fast lauter junge Leute, meist Farbige und arabisch aussehende Männer, wenige andere Franzosen, kaum Frauen und Ältere, aber nicht wenige Ausländer.

In Gruppen gehen, stehen, schauen, videofilmen sie. Hinter dem großen beleuchteten Riesenrad hinter dem Obelisken passt oben der fast volle Mond in das romantische Bild (das einige Jahrzehnte früher Schauplatz von republikanisch-überschießender Freude über ein neues Jahr gewesen sein soll, wie alte französische Sozialisten und der vor dem Nationalsozialismus geflüchtete Ex-Österreicher und Historiker Felix Kreissler mir erzählt haben; er und seine Generation gingen nun nicht mehr hin, weil sie sich hier nicht mehr wohlfühlen würden).

Autos sind von der Polizei weggeräumt worden, um nicht zu behindern, beschädigt oder abgefackelt zu werden, wie schon seit Jahren immer wieder geschehen. Viele Geschäfte der Prunkstraßen haben Gitter oder Rollbalken herabgelassen, Police steht in Zehnerschaften herum.

Champagnerkorken – auch meiner – fliegen, Kracher, wenige Raketen, "Bonne année!", Umarmungen. Auch ein Amerikaner mit einer Journalistin und einer Bretonin, die eine wie die andere seine Frau, wie er sagt, umarmt mich. Man prostet sich distinguiert zu, bleibt im Allgemeinen auf Distanz. Eine seltsame Gemeinschaft von Nicht- oder Nicht-ganz-Franzosen, die eher ratlos das Euro-Jahr begrüßten.

Auf dem Weg zurück, bei der Busstation La Boetie, steht eine Schar junger Leute: "Bonne année!", Arme hoch, tanzend, dann: "Vivent les Arabes!" Schwer verstehbar, im Rhythmus skandierend und anschwellend: "Osámah bín Ladén!" (Immerhin kaum vier Monate nach 9/11). Als Polizisten den "Aufruhr" infiltrieren, verflüchtigt sich die Begeisterung junger Söhne von durchaus integrierten Zuwanderern, oft aus dem Maghreb. (Sie hatten im Gegensatz zu ihren ethnoproletarischen Vätern nicht einmal deren bescheidene "Sicherheiten" erlangt oder sich mit diesen zufriedengegeben. Aus dieser Frustration war ihre Gewaltbereitschaft entstanden, wie schon mehrfach in der französischen Geschichte nach Einwanderungswellen von neuen Arbeiterschichten, wie der Pariser Immigrationshistoriker Gérard Noiriel nachgewiesen hat.)

Ihre Integration war nicht oder nicht ganz gelungen (wie mir auch zwei homosexuelle Lehrer von ihren Erfahrungen mit sexistischen arabischen Jungmachos in ehemals kommunistischen Stadtvierteln der Normandie erzählt hatten). Solche "beurs" waren an diesem Silvesterabend wohl aus trostlosen Wohnmaschinen der Außenbezirke gekommen, vielleicht in einem verzweifelten Versuch, trotz ihres Ausgeschlossenseins dabei sein zu wollen.

In den nächsten Tagen liest man, dass auch in der Banlieue wieder 71 Autos gebrannt haben. Das Fernsehen bringt Diskussionen über die Gewalt in den Vororten, die in den Schulen und auf den Straßen schon als so präsent empfunden werde, dass (alteingesessene) Franzosen überlegen, mit ihren jungen Töchtern in die Provinz zu ziehen, enttäuscht auch wegen der Verschlechterung ihrer Einkommens- und Arbeitsbedingungen unter den sozialistischen Regierungen, die auch hier an der Einleitung der neoliberalen Wende mitgewirkt haben. Die Historikerin Rita Thalmann, die ich am 1. 1. zum Tee aufsuche, schätzt den Ausgang der Wahlen im kommenden Jahr – ganz richtig – ein: Verlust der sozialistischen Mehrheiten und Gewinne des Front National.

Wieder auf den Champs-Élysées, geht das Geschäft eines mobilen Grillwurstverkäufers nicht mehr recht, er scheint sich zum Wegfahren zu richten: da, eine rasche Bewegung aus der Menge und noch zwei, drei blitzschnell auf das Verkaufsauto zulaufende Gestalten – im Nu sind die restlichen Würste abgeräumt und die Menge steht wieder davor; der Wurstverkäufer schließt schleunigst die Klappläden und rollt langsam weg.

An der Ecke zur Rue de Rivoli, drei oder vier Amerikaner, im aufgeregten Gespräch mit Polizisten. Eine der Frauen erklärt stockend, man habe ihr eben die Tasche geraubt, die Henkel hält sich noch in der Hand und lässt sie nicht locker. Einem der Männer läuft es rot aus den blonden Haaren. Sein Französisch hört sich an, als habe ihm einer, als seiner Begleiterin die Tasche entrissen wurde, einfach so mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen. "C'est vrai!"

... und ein Nachwort

Die Terrorakte 2015 und die Terrorgefahr der letzten Wochen, kulminierend in den Sicherungsmaßnahmen in Deutschland, sind etwas qualitativ grundsätzlich anderes als die oben beschriebenen Zwischenfälle unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle und das "nur" als Jugendprotest dargestellte Anzünden von Autos und die Straßenkrawalle etwa in Lothringen, Lyon und Paris vor eineinhalb Jahrzehnten. Sie signalisierten jedoch schon damals, dass die Maßnahmen vieler französischer Regierungen zur Integration ihrer Zuwanderer nicht besonders erfolgreich gewesen sind. Sie haben nicht verhindert, dass das entstehende "neue Proletariat" in die Außenbezirke der Großstädte verdammt blieb und bei arbeitslosen oder prekär lebenden Einwanderersöhnen die Desintegration zum Teil weiter bestand, ja wieder stärker wurde, nicht zuletzt auch unter dem Identitätsangebot des extremen islamistischen Terrors.

Daraus kann man ablesen, wie dringend eine breite Integration älterer und neuerer Zuwandererschichten auch im übrigen Europa wäre. In Österreich scheint sie bisher – trotz "islamistischer Kindergärten" – (noch) besser gelungen zu sein als in Deutschland, wie die jüngsten Massenexzesse gegen Frauen, aber auch Angriffe auf Flüchtlingsquartiere und jüdische "Ziele" zeigen. Wenn gegen die nun von Rechtspopulisten erst recht angefachte "überkochende Volksseele" eine nachhaltige soziale und kulturelle Integration nicht gelingt, dann wird der Grundstock nicht nur für die unter Jugendgruppen üblichen Rangeleien mit anders kulturellen "Konkurrenten" und Ordnungskräften gelegt, sondern auch für weitaus ärgere Exzesse und hochorganisierte Gewalt.

Es könnte nützlich sein, wenn Regierung und Integrationsinstanzen diese Aufgabe nicht mehr weiter auf die großartige nachbar- und zivilgesellschaftliche Hilfe verschieben und auf kleiner Flamme kochen, sondern offen die Realitäten aussprechen und großräumig angehen: "Action now!" (Gerhard Botz, 8.1.2016)

Gerhard Botz (Jg. 1941) war Professor am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien und leitet das Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft. 2001/02 war er Gastforscher an der Maison des sciences de l'homme in Paris. Aus seinen Papieren hat er diesen Stimmungsbericht ausgegraben – und ihn mit einem Nachwort versehen.

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