Siggi Loch: "Mir selbst zahle ich keinen Cent Gehalt"

8. Jänner 2016, 16:44
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Der Branchenveteran und Gründer des Jazzlabels Act über die Zukunft der CD-Branche

Wien – Es gibt sie noch, die nostalgisch-verwegenen Herren, die es sich leisten können, CDs zu produzieren. Siggi Loch tut es unter dem Firmennamen Act. Und da er 75 wurde, gönnte er sich eine CD-Box: A Life in the Spirit of Jazz kommt als musikalische Autobiografie daher und als Beleg für den Glauben an "handgreifliche" Konzepte von Musikvermittlung. "Ich glaube an den Sammeltrieb, glaube daran, dass es immer jene geben wird, die Musik und besondere Alben nicht nur streamen, sondern dauerhaft zum Teil ihres Lebens machen wollen."

Es wird nicht "die große Masse der Hörer sein. Es wäre anmaßend, den Menschen vorschreiben zu wollen, in welcher Form sie hören." Mit Act wolle er Leute "überall abholen – ob mit CDs, LPs, High- oder Low-Res-Downloads oder auf den Streamingplattformen. Die Musikbranche, wie wir sie kennen und wie ich sie in über 50 Jahren erlebt habe, gibt es nicht mehr. Das Geschäft mit physischen Tonträgern hat sich durch den digitalen Wandel praktisch halbiert." Die große Frage sei, "wie Musiker von ihrer Arbeit leben können. Die Majors verdienen durch ihren sehr umfangreichen Back-Katalog gut an der erneuten digitalen Auswertung, besonders durch das Streaming."

Unabhängige Labels wie Act, die ihre Arbeit fast ausschließlich aus Neuproduktionen finanzieren, hätten es schwerer. Eine Überlebenschance hätten Loch zufolge am Vermarktungsprozess Beteiligte nur, so das Urheberrecht geschützt und fortgeschrieben wird. "Es ist die Politik gefordert, die die Rahmenbedingungen der Kulturwirtschaft bestimmt." Loch engagiert intuitiv Leute, bei denen er das Gefühl hat, sie könnten Publikum begeistern.

"Wer es schafft, 50 Leute zu emotionalisieren, schafft das vielleicht auch mit 500 oder 5000. Wer nicht einmal die 50 kriegt, bei dem klappt es nie." Das erfolgreichste Act-Album? "Es ist It's Snowing on My Piano – Music with Christmas in Mind von Bugge Wesseltoft mit über 130.000 verkauften Alben. Der erfolgreichste Künstler ist Nils Landgren mit über 750.000 verkauften Stück – für Jazzmusiker unglaublich und selbst für Popverhältnisse eine mehr als stattliche Zahl", so Loch.

In der Regel produziere und bezahle Act seine "Aufnahmen selbst, der Künstler ist am Ergebnis beteiligt. Das Risiko liegt aber bei uns. Einige Künstler produzieren in Eigenregie. Solche Produktionen übernehmen wir gelegentlich im Rahmen von Lizenzverträgen: Aber auch hier ist der Künstler am Ergebnis beteiligt." Entgegen dem allgemeinen Trend innerhalb der Musikbranche ist es Act jedenfalls gelungen, "seit seiner Gründung 1992 kontinuierlich zu wachsen. Wir investieren alle Gewinne der Firma in den Aufbau neuer Künstler, mir selbst zahle ich keinen Cent Gehalt. Aber der wirtschaftliche Erfolg war und ist mir wichtig, eben da der Fokus des Labels auf dem stetigen Aufbau neuer Talente liegt. Nur ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen kann diese Aufgabe auf Dauer erfüllen. Darin liegt meine selbstgewählte Mission als Kulturarbeiter."

Würde er heute jemandem empfehlen, eine CD-Firma zu gründen, wie müsste sie beschaffen sein, um zu überleben? "Eine Existenz rein auf den physischen Tonträgern aufzubauen ist niemandem zu empfehlen. Aber wie gesagt, Menschen und Unternehmen, die Musik produzieren und vermitteln, wird es weiter geben. Wie diese Unternehmen beschaffen sind, um im digitalen Zeitalter zu bestehen, vermag ich nicht zu sagen. Ich komme aus der Offline-Generation, die Antwort auf diese Frage muss von einer jüngeren Generation gefunden werden."

Und mit Vertretern dieser Genaration umgibt sich natürlich auch Siggi Loch. (Ljubiša Tošić, 8.1.2016)

  • Glaubt an den Sammlertrieb im Käufer: Labelboss Siggi Loch.
    foto: wesenberg

    Glaubt an den Sammlertrieb im Käufer: Labelboss Siggi Loch.

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