Es ist nämlich so: NZZ.at-Magazin für "Datum"-Abonnenten

9. Jänner 2016, 07:43
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Etwas mehr Information und Transparenz hätte sich ein Adressat unerwünschter Zusendungen doch verdient

In journalistischer Hinsicht gab der Beginn des Jahres 2016 einigen Anlass zu Missmut. Es begann damit, dass der Abonnent der geschätzten Monatsschrift "Datum" statt der erwarteten Druckschrift unverlangt die gedruckte Ausgabe #1 eines Elaborats namens "NZZ.at" erhielt, ein hybrides Produkt der "Neuen Zürcher Zeitung" österreichischer Fechsung, als dessen Chefredakteur Michael Fleischhacker zeichnet. Ein Mann, der offenkundig darunter leidet, dass seine Prophezeiung "Die Zeitung. Ein Nachruf" noch nicht in Erfüllung gegangen ist, und dieses Leiden sicherheitshalber in gedruckter Form darbietet. Statt offen zu sagen, was es mit dem Übergang vom "Datum" zur "NZZ.at" auf sich hat, und mit dem stillen Übergang der Abonnentenadressen, druckste er in seinem Editorial herum. Ein kurzes Raunen habe es in der sogenannten österreichischen Medienszene gegeben. Anfang oder Ende? Beweis für das Scheitern? Indiz für das Funktionieren? Viele Fragen, keine klare Antwort. Dafür erfährt man, Stefan Kaltenbrunner hat uns zwischen der letzten DATUM-Nummer, die er als Chefredakteur verantwortet hat, und seinem ersten Arbeitstag als Chefredakteur des Online-Kurier geholfen, unseren Erfahrungsmangel im Thema Magazinproduktion zu kompensieren. Das ist nett, aber etwas mehr Information und Transparenz hätte sich ein Adressat unerwünschter Zusendungen doch verdient.

Entschädigen sollte ihn offenbar ein beigelegtes Blatt, worauf ihm entgegen der Erfahrung, die ihm zugespielt wurde, im Titel verkündet wird: Es ist nämlich so: Print ist tot. Mit der Phrase Es ist nämlich so leitet Fleischhacker mindestens drei seiner Beiträge in der "NZZ.at" ein, ihre Funktion besteht offenbar darin, den Leser davor zu warnen, die nachfolgende Botschaft ernst zu nehmen. Das postet zumindest ein österreichischer Journalist, der seit längerem in Berlin lebt, regelmäßig unter dem Pseudonym "Terence Lennox" in einem der belebtesten Internetforen des Landes. Ich selbst habe vor eineinhalb Jahren ein Buch mit dem auch nicht besonders herzerwärmenden Titel "Die Zeitung. Ein Nachruf" publiziert.

Dass Print anderthalb Jahre, nachdem es von Fleischhacker und "Terence Lennox" für tot erklärt wurde, noch immer lebt, ist aus der Sicht der Propheten unerfreulich, weshalb man einräumt, dass es auch anderswo nicht zum Besten steht. Die gedruckte Tageszeitung hat ein Problem, und dem Rest geht es auch nicht besonders. Dem Bezahljournalismus im Internet zum Beispiel: auch noch nicht der wirkliche Renner. Wohin man schaut, nur Probleme, was freilich weder neu ist noch auch nur annähernd so originell wie Todeserklärungen. Treten sie nicht ein, kann man sich immer noch ausreden: Es ist eine unglaublich spannende und schon auch anstrengende Entdeckungsreise, auf die wir uns gemacht haben. Was wir suchen? Eine der vielen möglichen Zukünfte des Journalismus. Wenn er sich dabei nur nicht überanstrengt!

Die Gefahr ist groß, hat Fleischhacker doch schon sein Editorial mit dem Satz eröffnet: Es ist nämlich so: Print ist tot. Sagen zumindest alle. Wirklich alle? Andere sagen wieder, dass das Internet sich langfristig nicht durchsetzen wird. Keine Qualität und so. Ich weiß nicht so recht. Und wenn man nichts weiß, versetzt man sich am besten in den Leser. Mir scheint aber, dass Ihnen das ohnehin ziemlich egal ist. Traurig, wenn ein Journalist sich so wenig zutraut. Da wühlt er den Leser zunächst mit der Feststellung auf, Print ist tot, um gleich darauf erkennen zu müssen, nichts als Gleichgültigkeit bewirkt zu haben.

Leider beschränkt sich dieses diffuse Lebensgefühl nicht nur auf die möglichen Zukünfte des Journalismus, sondern auch auf die des Staates, zu denen Fleischhacker auch einen Diskussionsbeitrag liefert. Er beginnt völlig überraschend: Es ist nämlich so: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob man sich als jemand, der bei jeder Gelegenheit darauf hinweist, dass es unter dem Blickwinkel von Freiheit und Verantwortung eigentlich sinnvoll wäre, eine andere Position zu irgendeiner Frage einzunehmen als das, was gerade als Mainstream durch die Straßen fegt, nicht einfach nur noch lächerlich macht.

Ja, ständig zwangsoriginell sein zu wollen lässt einen leicht lächerlich erscheinen. Ich komme mir als Teilnehmer am öffentlichen Diskurs langsam vor wie einer von diesen Rechtschreibfehler-Korinthenkackern, die bei jedem Beistrich aufjaulen und sich persönlich beleidigt fühlen. In der Tat: Es ist nämlich so. (Günter Traxler, 9.1.2016)

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