Poesie als Verbrechen: Lesung für verfolgte Autorinnen und Autoren

8. Jänner 2016, 15:51
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Der Versuch, durch Unterdrückung Wissen zu begrenzen, ist in zahlreichen Staaten gängige Praxis. Österreichische Autorinnen und Autoren lesen Gedichte und Texte ihrer verfolgten und vom Tod bedrohten Kolleginnen und Kollegen

foto: pen
Der 35-jährige in Saudi-Arabien lebende palästinensische Dichter Ashraf Fayadh ist nicht der einzige vom Tod bedrohte Andersdenkende. Für ihn gibt es im Jänner ein "worldwide reading", auch hier – am 13. Jänner 2016 in Wien.

Erdöl ist harmlos, bis auf die Spur der Armut, die es hinterlässt
an dem Tag, wenn sich die Gesichter der Personen, die eine weitere Ölquelle entdecken, verfinstern,
wenn Hektik in dein Herz geblasen wird, um mehr Öl aus deiner Seele
herauszuquetschen
für den allgemeinen Gebrauch.
Dies ist ... des Erdöls Versprechen, ein sicheres Versprechen:
das Ende.

(Aus dem Englischen übertragen von Helmuth A. Niederle)

Ashraf Fayadh, geb. 1980 in Saudi-Arabien, ist ein palästinensisch-saudi-arabischer Lyriker sowie Kurator mehrerer Ausstellungen. Er wurde in Saudi-Arabien wegen seiner angeblich islamkritischen Kunst zweimal verhaftet, zunächst im August 2013, erneut am 1. Jänner 2014. Der zweiten Verhaftung in Abha folgte das Urteil zu vier Jahren Gefängnis und 800 Peitschenhieben. Nach der Revision durch Fayadh folgte ein Wiederaufnahmeverfahren, das am 17. November 2015 mit dem Urteil der Todesstrafe endete: Das Gericht warf dem Lyriker vor, sich der Abwendung vom muslimischen Glauben schuldig gemacht zu haben.


WEHR

Lass den Samen meiner Lieder und meiner Verse
die Wehr deiner Einstellungen überwinden.
Sind die Grenzen deines Verstandes offen,
wirst du erkennen, mein Herz gehört wirklich dir.
Werden die Ketten von diesen Türen genommen,
kommst du herein und sitzt hier bei meinen Füßen,
kämmst deine Haare frei im Wind,
der uns mit seinem Wohlgeruch berauscht.

(Aus dem Englischen übertragen von Helmuth A. Niederle)

Mahvash Sabet, Lehrerin und Dichterin, sitzt momentan eine 20-jährige Haftstrafe im Evin-Gefängnis in Teheran ab. Sie zählt zu den sieben führenden Vertretern der Bahai-Gemeinde, bekannt als "Yaran-i-Iran" – "Freunde des Irans" -, die seit 2008 wegen ihres Glaubens und ihrer Aktivitäten in der Bahai-Gemeinschaft inhaftiert sind. Im Gefängnis begann Mahvash Sabet damit, Gedichte zu schreiben. Eine Anthologie mit "Prison Poems" wurde in englischer Übersetzung am 1. April 2013 veröffentlicht. Der internationale PEN ruft die iranischen Behörden dazu auf, Mahvash Sabet und alle anderen Schriftsteller, die lediglich wegen der Ausübung ihres Rechts auf Meinungsfreiheit inhaftiert sind, umgehend freizulassen. Mahvash Sabet ist Ehrenmitglied des Österreichischen PEN. Ihr Buch "Prison Poems" wird in einer deutschsprachigen Übersetzung für das Jahr 2016 vorbereitet.


ICH SCHLAFE IN MEINEN WORTEN (Auszug)
Für Mohamed Bouazizi

Ich schlafe ein bisschen in meinen Worten.
Weckt mich nicht,
Ich schlafe und die Vögel fächeln mir Luft zu.
Ich verließ euch und die Herrlichkeit eurer Geschichten,
um mein Schicksal zu vollenden.

Ich glaube nicht mehr an euch.
Ich verließe euch, meine Buchstaben,
damit ihr bei meiner Leiche singt.
O mein Feuer,
in deinem Licht klopfte endlich mein Herz.
Und bin ich Vater geworden ... mein Sohn ist meine Heimat.

(Aus dem Arabischen von Ishraga Mustafa Hamid unter Mitarbeit von Kurt F. Svatek)

Omar Hazek, geb. 1978 in Kuwait, ist ein international anerkannter Dichter und arbeitete in der Bibliothek von Alexandria. Zu seinen Veröffentlichungen zählen eine Sammlung von Gedichten in Arabisch und Englisch mit dem Titel "Nota – Skies of Freedom" (Ägypten 2011). Im Dezember 2013 nahm er an einer unerlaubten Demonstration aus Solidarität zu dem Blogger Khalid Said teil, der 2010 von Polizisten zu Tode geprügelt worden war. Er beobachtete, wie mehrere Polizisten auf einen beteiligten Demonstranten einschlugen und setzte sich verbal für ihn ein. Das führte zu seiner Festnahme. Kurz darauf wurde er zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen der Teilnahme an einer illegalen Demonstration verurteilt. Im September 2015 wurde Hazek freigelassen. Ihm wurde die Ausstellung eines Schengen-Visums von den österreichischen Behörden verweigert, weil nicht davon ausgegangen werden könne, dass der Autor wieder in seine Heimat zurückkehren werde. Hazek ist Ehrenmitglied des Österreichischen PEN und wird vom 15. bis 19. Jänner 2016 in Österreich sein. Ein von den Niederlanden ausgestelltes Visum hat ihm das ermöglicht.


DU WIRST EIN BEISPIEL BLEIBEN
Für Gandhi

Ich gehe mit all den gehenden Menschen
und nein
ich werde nicht stehen bleiben
um die Vorübergehenden zu beobachten
Das ist meine Heimat
in der
habe ich
eine Palme
einen Tropfen aus einer Wolke
und ein mich beherbergendes Grab
Das ist schöner
als alle Städte des Nebels
und Städte
in denen man mich nicht erkennt

Mein Meister:
gern hätte ich die Macht
nur für einen einzigen Tag
um die "Republik des Mitfühlens" zu gründen

(Aus dem Englischen von Helmuth A. Niederle)

Die Bloggerin Tal al-Mallouhi, geb. 1991 in Homs, wurde am 14. Februar 2010 in ihrer Heimat Syrien zu fünf Jahren Haft verurteilt. Syrische Menschenrechtler berichteten, ein Militärgericht habe die 19-jährige Aktivistin und Lyrikerin wegen Spionage für die USA verurteilt. Das Urteil ist endgültig, eine Möglichkeit zur Berufung ist nicht möglich. Tal al-Mallouhi, die in ihrem Blog über arabische Politik und das Palästinaproblem geschrieben sowie Gedichte veröffentlicht hatte, war im Dezember 2009 plötzlich verschwunden. Später wurde bekannt, dass sie in einem Frauengefängnis in Damaskus festgehalten wird. Tal al-Mallouhi ist die Enkeltochter eines ehemaligen Ministers unter Hafez al-Assad, dem Vater des amtierenden Präsidenten Bashar al-Assad.


VERBITTERUNG

Die Mörder erwachten
vor Sonnenaufgang.
Die Mörder, die voll Stolz kamen,
starben aus Kummer!
Andere waren ihnen zuvorgekommen
und hatten uns bereits getötet.

(Aus dem Arabischen von Ghazi Massoud)

Der Schriftsteller, Künstler und Fotograf Ibrahim Nasrallah, wurde 1954 als Kind palästinensischer Eltern geboren, die nach Jordanien fliehen mussten. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er im unweit von Amman gelegenen Flüchtlingslager Wihdat. Ausgebildet wurde Ibrahim Nasrallah im Rahmen eines von den Vereinten Nationen durchgeführten Unterstützungsprogramms für palästinensische Flüchtlinge. Achtzehn Jahre lang arbeitete er als Journalist und wurde zu einem der bekanntesten Journalisten in Jordanien. In den 1980er-Jahren wurde er von der jordanischen Regierung aus politischen Gründen verfolgt. Zahlreiche Interventionen von arabischen Intellektuellen und weltweit tätigen Menschenrechtsorganisationen ermöglichten sein Überleben.


WIR SPRECHEN UNS SPÄTER

Ich habe die schwächste Natur der ganzen Menschheit und überlasse mich ihrem Lauf,
In jedem Fall

In der Stadt
Drei Monate hab ich kein Kind gesehen,
Das Gummibälle verkauft, wie früher.
Ganz ohne Lieder
Mit dem singenden linken Auge
Auf das rechte zielen.

Dann kommen die Leiden der Umzugssaison,
Überall neue Stellen begraben.
Ein großer Baum von der anderen Seite der Erde
Kommt hier als grünes Pflänzchen heraus.

Wer andere rettet, will sich selbst nicht retten.
Gott ist genauso gut wie früher.
Aber was ist mit meinen Knöpfen los?

(Aus dem Chinesischen von Martin Winter und Angelika Burgsteiner)

Ai Weiwei, geb. 1957 in China, ist Konzeptkünstler. Während der Kulturrevolution musste der kleine Weiwei mit seinem Vater, einem berühmten Dichter, jahrelang Latrinen reinigen. 1978 studierte er an der Pekinger Filmakademie, 1979 war er Gründungsmitglied der Künstlergruppe Xingxing. 1981-1993 lebte er in New York und kehrte 1993 nach China zurück. Es folgten zahlreiche internationale Ausstellungen. Am 3. April 2011 wurde er von der Staatssicherheit verschleppt und am 22. Juni wieder auf freien Fuß gesetzt. Erst am 22. Juli 2015 erhielt er von den Behörden seinen Pass zurück.


Die Veranstaltung "Poesie als Verbrechen. Verfolgte Autor/inn/en – Inkriminierte Texte" findet am 13. Jänner 2016 um 19 Uhr im Presseclub Concordia, Bankgasse 8, 1010 Wien, statt. (Album, 8.1.2016)

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