Das Wohnen ist dem Arbeiten immer untergeordnet

11. Jänner 2016, 05:30
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Künstlerin Meina Schellander lebt und arbeitet in einer kleinen Gemeindebauwohnung im neunten Wiener Gemeindebezirk

Die Wiener Künstlerin Meina Schellander lebt und arbeitet in einer kleinen Gemeindebauwohnung im neunten Bezirk. Wojciech Czaja vertraute sie ihren Traum eines leeren Wohnzimmers mit einem bequemen Sofa an.

"Das ist ein ganz normaler Gemeindebau im neunten Bezirk, errichtet in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre, kein Extriger mit tollen Dingen wie Balkon oder Loggia, nicht einmal wahnsinnig viel Tageslicht gibt es hier. Die Dunkelheit wird von mir manchmal sogar noch verstärkt, indem ich die Jalousien halb herunterlasse, um mich von außen gar nicht mehr stören zu lassen. Ich lebe überhaupt recht zurückgezogen, im Innen also. Das Innen ist riesengroß – mit Gedanken so dicht angefüllt, dass eine wie auch immer große Wohnung dem schwer gerecht werden könnte. Das Außen beträgt 55 Quadratmeter und bietet im Wesentlichen ein Arbeitswohnzimmer und ein Depotschlafzimmer.

foto: lisi specht
"Jeder private Freiraum wird vom Denken attackiert – so lange, bis er nicht mehr frei ist, sondern besetzt wie alles andere hier." Meina Schellander in ihrem Arbeitswohnzimmer.

Ich habe noch eine Werkstätte ums Eck sowie ein Depot in Floridsdorf. Außerdem gibt es noch ein Atelier in Ludmannsdorf in Kärnten, im ehemaligen, ziemlich baufälligen Wohnhaus meiner Mutter. Ich habe es bislang noch nicht geschafft, alle Anteile des Wohnens und Arbeitens geografisch effizienter zu bündeln. Und so pilgere ich die meiste Zeit von einer Stätte zur nächsten. Ich bin eine chronisch Getriebene.

Das Wohnen ist dem Arbeiten in dieser Wohnung und auch überhaupt in meinem Leben zwangsläufig untergeordnet. Der Arbeitsesstisch zum Beispiel wird immer wieder mit einer Zwischenlage Tuch überdeckt, um ihn zwischenzeitlich in einen kleinen Gesellschaftstisch für einen Kaffee oder ein Wohngespräch zu verwandeln. Daneben und darunter lauert bereits die Arbeit, die sofort wieder enthüllt wird, sobald der Besuch weg ist. Jeder private Freiraum wird sofort von Denken und Arbeit attackiert – so lange, bis er nicht mehr frei ist, sondern besetzt und belegt wie alles andere hier. Die Wohnung ist ein physischer und psychischer Denkraum.

Ich hätte gerne einen offenen, freien Wohnraum, den ich einfach gestalten würde, um Freunde einzuladen und das Wohnen zu spüren. Das ist bei mir nur in geringem Maße möglich. Mit mehr als drei Personen wird's schon schwierig. Freundinnen werden in letzter Zeit nur mehr einzeln in meiner kleinen Küche empfangen. Auch für meine Bücher bräuchte ich dringend mehr Platz. Es gibt eine Art unsichtbare Ordnung, die sich niemandem außer mir erschließt. Ich finde das Meiste, weil es entweder links oder rechts von mir liegt, in Griffweite sozusagen, was in dieser kleinen Wohnung überall gilt.

Da, wo noch nicht alles von der Arbeit in Beschlag genommen wurde, sieht man ab und zu ein paar Möbel. Die meisten sind von Ikea. Die ältesten Regale stammen aus dem Jahr 1985. Hier ist alles Stauraum, Arbeitsraum und Lebensraum in einem. Meine eigene Kunst ist hier eher spärlich präsentiert. Die graue Zeichnung an der Wand ist eines der wenigen Werke von mir, die in der Wohnung hängen. Auf keinen Fall dürfte der mir dienliche reale Raum meiner inneren Frequenz entsprechen. Das wäre fatal, eine Barriere für mein Denken. Der Raum, von dem ich träume, ist ein leerer Raum mit einem bequemen Sofa, einer Bücherwand und Musik zum Hören. Es ist eine Utopie.

Das größte Projekt, das ich schon eine Weile in mir trage, ist die Sanierung des Hauses in Ludmannsdorf. Ich würde es gerne adaptieren und wohntauglich machen. Doch ich fürchte, es müsste ein Wunder geschehen, damit das auch wirklich klappt. Es müsste mir jemand massiv helfen, weil ich nur über wenig Bargeld verfüge. Ich könnte mir vorstellen, so eine Sanierung durch Kunsttausch zu finanzieren. Ob das jemals passieren wird? Ich weiß es nicht. Ich male mir diesen Traum in meinem Denkraum aus. Viel Zeit bleibt mir ja dafür nicht mehr." (11.1.2016)

Meina Schellander, geboren 1946 in Klagenfurt, studierte Grafik in der Meisterklasse Maximilian Melcher an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seit 1970 ist sie freischaffend tätig. Bei ihrem ersten Großprojekt 1973 im Krastal hängte sie einen Findling zwischen zwei Felsen. Generell spielen Stein und Metall in ihrer Arbeit eine große Rolle. Viele ihrer Werke sind im öffentlichen Raum zu sehen. Ab 11. Mai wird ihre Ausstellung "Metagras. Brechungen." in der Galerie Freihausgasse in Villach zu sehen sein. Schellander ist u. a. Mitglied der Wiener Secession sowie des Kunstvereins Kärnten.

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